Perspektiven

Disruption und Führung

Mein kleiner Beitrag zu #disruptiondilemma des 47. St. Gallen Symposiums:

The disruptive leader

On June 4, 2009 the President of the United States of America, Barack Obama stepped up to the podium at Cairo University in Egypt. To that day, war had overshadowed the Middle East and tensions between the US on the one hand, and states of the Middle East on the other hand, had hardened. That day, Obama was so disruptive as to create a new leadership style.

I call Obama the Transcultural Leader. A Transcultural Leader focuses on transcultural commonalities rather than intercultural differences; develops a global understanding of the world’s interconnectedness and contributes to a bottom-up global moral order; and, most importantly, bridges societal divisions, and embraces the challenges humanity faces…

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Veränderung des Fokus: Die Prinzipien hinter Wachstum verstehen

Mein Beitrag zu #debategrowth des 46. St. Gallen Symposiums:

Understanding the Core Mechanisms Behind Growth: A Shift in Emphasis

In debating growth, we usually focus on its desirability – and neglect to discuss the underlying core mechanisms. The origins of growth should factor into these discussions in order to achieve a deeper understanding of the subject…

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Ein Gedankenexperiment. Zinssatz, Organisationsgröße und Fragilität.

Nehmen wir einmal an, der Zins sei tatsächlich ein Risikomaß oder besser gesagt: Die Höhe des Zinssatzes ermögliche eine Aussage darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Kredit mitsamt Zinsen (nicht) zurück gezahlt werden wird. Betrachten wir nun zwei Unternehmen im Finanzierungskontext. Im theoretischen Modell müssten beide Unternehmen – angenommen beide wären bis auf ihre Größe identisch (gleiches Geschäftsmodell, Kapitalstruktur etc.) – ganz unabhängig von Ihrer Größe den gleichen Fremdkapitakostensatz haben, sprich zum Beispiel den gleichen Zinssatz auf einen Kredit zahlen. Transferieren wir dieses Beispiel nun in die Praxis und stellen uns ebenso hier zwei außer ihrer Größe identische Unternehmen vor, dann fragt sich, was wir feststellen würden. Ich vermute, wir würden identische Fremdkapitalkostensätze womöglich auch dort vorfinden oder aber bemerken können, dass das größere Unternehmen einen geringeren Fremdkapitalkostensatz als das kleinere Unternehmen aufweist.

Als einer von vielen, aber wesentlicher Grund für letzteres, also einen höheren Fremdkapitalkostensatz, könnte es dann sein, dass seitens der Gläubiger – zum Beispiel einer Bank – das Risiko eines Ausfalls bei einem kleineren (bis auf die Größe identischem) Unternehmen höher eingeschätzt wird. Sollte dies zutreffen, würde es implizieren, Größe per se führe in der Praxis (zumindest in der Einschätzung seitens der Gläubiger) zu geringerem Risiko. Beispielsweise würde das heißen, dass eine Bank annimmt, ein größeres Unternehmen könnte beispielsweise eine Krise besser abfedern als ein kleineres. Sollte das Risiko bei beiden Unternehmen gleich sein, also ersteres zutreffen, wäre das insoweit interessant, als dass die theoretischen Hintergründe bestätigt wären. Tendenziell würde dann folglich dem ganzen Kontext zugrunde liegen, dass Groß genauso risikobehaftet ist wie Klein – oder gar wünschenswerter ist. Was wäre aber nun, wenn das Risiko von Klein geringer ist als das von Groß? Nun, dann würde die Bank womöglich einen gewaltigen Fehler begehen.

Es ist nun gewagt, das gerade Beschriebene mit Nassim Nicholas Talebs Betrachtungen in Verbindung zu setzen – insbesondere deshalb, da er postuliert, Risiko sei grundsätzlich nicht bestimmbar. Ich möchte aber nun dazu anregen, sich darauf einzulassen, zumindest temporär eine enge Verbindung zwischen Risiko allgemein und Talebs Ansatz der (Anti-)Fragilität zu sehen. Dieser Zusammenhang lässt sich wohl im Kontext des Zinses dort ausmachen, wo Taleb beschreibt, ein Zustand von (Anti-)Fragilität ermögliche eine Aussage darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass etwas in Zukunft besteht; ähnlich ist es beim Zinssatz (beziehungsweise dem Risiko), denn auch die Höhe des Zinssatzes lässt eine Aussage darüber zu, wie wahrscheinlich es ist, dass es ein Unternehmen bei Kreditvertragsende noch immer gibt (und es somit auch den Kredit zurückzahlen kann).

Ich gehe davon aus, Taleb würde meiner Einschätzung des vorigen Gedankenexperiments zustimmen, das Ergebnis selbst aber als problematisch einordnen. Er würde ablehnen, dass Groß genauso risikobehaftet wie Klein oder gar wünschenswerter ist. Taleb behauptet, dass im Widerspruch zu allem, was in den Wirtschaftswissenschaften zum Thema »Ertragssteigerung bei Großunternehmen« gelehrt wird, Größe sich in Belastungssituationen schädlich auswirkt; es ist nicht gut, in schweren Zeiten groß zu sein. Dieser Punkt ist insoweit spannend, als dass er nun – angenommen Taleb hätte Recht – tiefgreifende Implikationen mit sich bringen würde (zuvor sei aber noch angemerkt, dass Talebs Argumentation für Belastungssituationen gilt, und zwar ausschließlich dafür). Wenn der Zinssatz für Fremdkapital in der Praxis also bezogen auf das zuvor aufgezeigte Beispiel beim kleineren Unternehmen höher oder gleich hoch ist, lässt sich daraus folgern, dass auch das Risiko (oder zumindest die Einschätzung des Risikos seitens der Gläubiger) dies ist. Stellen wir nun Talebs Perspektive diesem gegenüber, könnte das bedeuten der Zinssatz wäre dann kein aussagekräftiger Indikator für Risiko mehr – denn es könnte, eindimensional betrachtet, genau umgedreht sein: Das größere Unternehmen hätte ein höheres Risiko und müsste damit einen höheren Fremdkapitalkostensatz aufweisen. Die Konsequenzen wären kaum absehbar.

Angemerkt sei hier noch, dass es sich im Vorherigen um ein Gedankenexperiment handelte, das in der Realität so nicht auffind-, nachprüf-, aber nichtsdestotrotz vorstellbar ist. Es könnte also dementsprechend sehr wohl sein, dass zwei bis auf ihre Größe identische Unternehmen einen Kredit in relativer Höhe zu ihrer Größe beantragen. Ohne das nachprüfen zu können, vermute ich, dass das größere Unternehmen dann einen gleich hohen oder sogar niedrigeren Fremdkapitalkostensatz hätte. Allerdings sei ergänzt, dass die heutige Kreditvergabe im Zuge der Basel-Bestimmungen im Wesentlichen auf Ratingsystemen beruht, die eine Risiko-Kategorisierung ermöglichen – Größe per se ist diesbezüglich erst einmal irrelevant. Lediglich in einem kleinen Teil der Analyse, im Kontext der »soft factor«s, die auch in die Kategorisierung einfließen, könnte Größe eine Rolle spielen.

Eine Farce? Zweifel an Lütges Buch.

Der TUM-Professor Christoph Lütge versucht in seinem Buch Ethik des Wettbewerbs das Konkurrenzprinzip zu würdigen und hält ein Plädoyer für eine vollumfängliche Implementierung des Wettbewerbs in allen gesellschaftlichen Bereichen. Lütge definiert Wettbewerb als den Zustand eines Konkurrenzstrebens mehrerer Akteure, [welcher] nicht naturwüchsig ist und sich nicht von selbst dauerhaft aufrechterhalten kann; darin sieht er auch die Differenz zum Kampf. Wettbewerb richte sich erst dann gefestigt ein, wenn es Regeln gebe. Für Lütge ist Wettbewerb keineswegs nur im Anwendungsbereich der Marktwirtschaft zu sehen, sondern könne völlig losgelöst davon betrachtet werden. Ähnlich verhalte es sich auch mit dem Verhältnis von Wettbewerb und Kapitalismus: Kapitalismuskritiker sind nicht notwendig auch Wettbewerbskritiker. Lütge ermöglicht eine interessante Lektüre, die jedoch einige erhebliche Fehler aufweist. Im weiteren Verlauf dieses Posts werde ich anhand eines Beispiels – Lütges Umgang mit Hartmut Rosa – solche aufzeigen.

Sein Ansatz

Laut Lütge komme unverfälschte, tatsächliche Konkurrenz deshalb ethischen Anforderungen nach, da in ihren systemischen Ergebnissen ein solcher Mehrwert liege. Wettbewerb verbinde Schwarmintelligenz mit der Leistung Einzelner. Es bedürfe heute, so Lütge, einer Ethik des Wettbewerbs – einer Ethik der Hypermoderne. Häufig werde vernachlässigt, dass die derzeitige Gesellschaft keine Nullsummengesellschaft mehr sei: Wenn der eine gewinne, müsse der andere nicht mehr unweigerlich verlieren. Erklären lasse sich die Auflösung der Nullsummengesellschaft durch ein kontinuierliches, wenn auch in Teilen geringes, Wirtschaftswachstum. Die jahrtausendelange Existenz der Nullsummengesellschaft gehe auf einen Mangel an Wettbewerb zurück.

Eine Ethik der Mäßigung – die in Nullsummengesellschaften entstanden sei – hält Lütge deshalb in einer globalisierten Welt für längst nicht mehr zielführend, sondern von Nachteil für die heutige Gesellschaft. Gerade in einer Welt der knappen Ressourcen bedürfe es des Fortschritts sowie des Unternehmertums und nicht der Bescheidenheit. Mit Suffizienz wäre niemandem gedient. Lütge fordert deshalb:

Wir brauchen eine Ethik für dynamische Gesellschaften, wir brauchen eine Ethik, die betont, dass Innovation, Unternehmergeist und Dynamik nicht nur ökonomisch, sondern auch in ethischer Hinsicht wertvoll sind.

Im Wesentlichen bedürfe es einer Ethik, die dafür Sorge trage, dass der moralisch Handelnde einen Vorteil durch solch ein Verhalten haben werde.

Sein Scheitern: argumentative und insbesondere handwerkliche Fehler

Lütge widmet sich in diesem Bezug auch einer Analyse Hartmut Rosas, indem er versucht, Rosas Argumentation aus Wettbewerb als Interaktionsmodus zu entkräften – und dabei scheitert. So kritisiert Lütge Rosas Behauptung, dass Wettbewerb die natürlichen oder sozialen Ungleichheiten in der Gesellschaft erhöhe. Lütge argumentiert, es sei korrekt, dass Wettbewerb nicht alle Menschen gleichmacht, dies aber wiederum nicht heißen würde, dass die weniger gut Gestellten durch Wettbewerb in erster Linie Nachteile erleiden. Was diese Argumentation mit Rosas Aussage zu tun hat, bleibt unterdessen fraglich; es besteht kein Zusammenhang. Sogar wenn Wettbewerb, wie Lütge anführt, eine Win-Win-Situation darstellen würde, könnte es noch immer sein, dass die Ungleichheit – wie von Piketty identifiziert – ansteigen würde. Die in der Realität innerhalb der Gesellschaft verankerten Prinzipien führen dazu, dass der Sieger aus einem vorherigen Wettbewerb bessere Ausgangssituationen hat als der Verlierer. Ein Beispiel dafür ist insbesondere das Zinsprinzip und die damit zusammenhängende Kapitalausstattung von beispielsweise Unternehmensgründern.

Lütge argumentiert zudem: Nur bei funktionierendem Wettbewerb können weniger Bemittelte tatsächlich in einer Gesellschaft aufsteigen und den bisher besser Gestellten die Position streitig machen. Dies würde aber auch Rosa keineswegs verneinen. Ebenso stellt die Behauptung, dass es von Vorteil sei, wenn sich Schwellen- und Entwicklungsländer dem Wettbewerb öffnen würden, keine Differenz zu Rosas Argumentation dar. Rosa geht gerade selbst eindeutig davon aus, dass Wettbewerb alternativlos die sinnvollste Möglichkeit für Wirtschaftswachstum und den Umgang mit ökonomischer Knappheit sei. Ihm geht es in seiner Analyse keineswegs darum, jeglichen Wettbewerb als nicht zielführend darzustellen; er möchte auch keine sozialistische Gesellschaft oder den traditionellen Ständestaat, wie Lütge ihm unterstellt, sondern lediglich dort Wettbewerbsbeschränkungen, wo Konkurrenz zum Selbstzweck geworden ist. Es scheint deshalb sogar augenscheinlich fraglich, ob Lütge Rosas Analyse tatsächlich bis ins Detail durchdrungen hat.

Unstimmigkeit wird auch dort deutlich, wo Lütge Rosa zitiert und schreibt, dass laut Rosa Wettbewerb eine gewisse »Stromlinienförmigkeit« (S. 100) durchsetze, die »kauzige Originalität« zum Verschwinden bringe. Rosa zitiert hier allerdings selbst jemand anderen, nämlich Simmel mit seinem Werk Philosophie des Geldes – was Lütge tragischerweise nicht zu bemerken scheint. Nichtsdestotrotz behält Rosa beziehungsweise Simmel sogar auch hier recht, denn durch Wettbewerb kann – aufgrund der Maxime je schneller, desto besserbeispielsweise Kreativität eingeschränkt werden (sie kann jedoch sehr wohl auch dadurch gefördert werden). Wer sich also zu viel Zeit für die Entwicklung nimmt, um beispielsweise ein besonders sicheres, innovatives Produkt zu schaffen, wird im Wettbewerb womöglich Einbußen zu ertragen haben, die nicht wieder einholbar sind. Sie können zudem insbesondere deshalb nicht aufgeholt werden, da, wie zuvor dargelegt, der Verlierer in Zukunft schlechtere Ausgangsbedingungen vorfindet.

Anschließend geht Lütge darauf ein, dass laut Rosa Wettbewerb zum Selbstzweck geworden sei. Lütge antwortet diesbezüglich: Wenn es wirklich so wäre, dass Wettbewerb grundsätzlich leerläuft und niemandem nützt, so hätte man ein echtes Problem erkannt. Auch hier fragt sich der Leser, was es mit dieser Aussage auf sich hat – steht sie doch in keinem Bezug zu Rosas Beobachtung und Definition eines Selbstzwecks. Ähnlich gestaltet es sich auch, wenn Lütge Rosas Behauptung der totalisierenden Konsequenzen von Wettbewerb auf das subjektive Wohlbefinden im Sinne einer vom Individuum selbstbestimmten Lebenskonzeption thematisiert. Diesem entgegnet Lütge bis auf Widerruf, es sei nicht vermeidlich, dass es Verlierer gebe und versucht daraufhin die positiven Effekte der Creative destruction  hervorzuheben.

Fazit

Was Lütge mit seinem Buch und der Analyse der Untersuchung Rosas vorlegt, so lässt sich als Zwischenstand resümieren, scheint bei genauerem Hinsehen aus derzeitiger Perspektive leider wenig mit Rosas Aufsatz zu tun zu haben. Lütge begeht erhebliche handwerkliche Fehler und argumentiert an den eigentlichen Punkten vorbei.

Verstörte Steuerung? Erste Gedanken zur aktuellen Situation der Zeppelin Universität.

Es gibt sie noch, Orte der Störung. Ein solcher ist die Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee. Hier treffen Menschen auf-einander, die sich an-einander auf-halten, die sich – durch wechselseitige Irritation – ver-stehen. In diesem Sinne ist die kleine Universität ganz im Süden Deutschlands ein Ort unwahrscheinlicher Berührung – untereinander und mit einer Welt, die dann womöglich doch viel weniger des Aus-der-Ruhe-Bringens bedarf, als welchem sich dieser Ort verbunden fühlt.

An der Zeppelin Universität werden Begegnungen zwischen Menschen möglich, die primär in dem Sinne zueinander passen, als dass sie an- und durch-einander wachsen – am konstant präsenten Hinein-Reden, Ein-Greifen. Solche Prozesse sind es, die diesen Ort auszeichnen als einen, der in der Lage ist, Störenden Raum zu geben.

Und gleichzeitig gibt es an dieser Universität die grundsätzlich Nicht-Störungswilligen, die diesen Ort jedoch umso mehr durch die von ihm ausgehende Unruhestiftung schätzen und nicht nur, aber insbesondere auch aufgrund ihrer Störungwillenlosigkeit, die Unruhestifter aus der Balance bringen. Wie dankbar doch beide Seiten dafür sein dürfen.

Dieser Ort der kognitiven Dissonanz ermutigt zur Orientierung und raubt sie in mindestens gleichem Maße. Es charakterisiert ihn, dass Studierende von Semester zu Semester ihrer Zeit orientierungsloser werden und zugleich in ihnen etwas reift, dass Haltung fördert – und wenn es die Ablehnung dieses Ortes ist, der in fort-geschrittenen Semestern immer öfter begegnet wird. Hierfür Dankbarkeit, ist sie doch Ergebnis einer wünschenswerten Auseinander-Setzung.

Mit eine steuernden, mehrdimensional Störung vermeidenden Führung ist diese Universität der Unruhe einer Herausforderung ausgesetzt, die jedoch diesmal existentiell und für diesen Ort des Berührens zerstörend werden kann:

Sparen ist sinnvoll, wenn bewusst ist wofür. Handeln ist sinnvoll, wenn bewusst ist, wonach. Und Führen ist sinnvoll, wenn bewusst ist, wohin.

Vielleicht können die Studierenden dankbar sein, beispielsweise für eine neue Mission. Vielleicht können sie genau dann dankbar sein, wenn die Störenden ihre Verstörtheit überwinden und eine steuernde Führung aus der Fassung bringen. Es ist Zeit, eine mögliche Negation einzelner Elemente im System durch das System oder durch seine Umwelt so vorwegzunehmen, dass ihr produktiv begegnet werden kann (Baecker).

Eine studentische Störung leistet einen entscheidenden Beitrag, den aus der Steuerung resultierenden Zerfall dieser Organisation zu vermeiden. Aber wer weiß, womöglich ist diese Steuerung ja sogar auch eine Form wünschenswerter Störung.

Alle um alle? Wie viel Wettbewerb zukunftsfähig ist:

Die moderne Konkurrenz, die man als den Kampf aller gegen alle kennzeichnet, ist doch zugleich der Kampf aller um alle.
                                                                                                  aus Georg Simmel, Soziologie der Konkurrenz
 

Lasst uns Möglichkeiten zur Effizienz verschwenden und die für ein neues Zusammenleben nutzen! Für ein gesellschaftliches Miteinander des wechselseitiges Austauschs, der Berührung, des voneinander Lernens und gemeinsamen Erlebens.

Ähnlich wie das Zinsprinzip, existiert in den grundlegenden Strukturen unserer Gesellschaft ein weiterer Mechanismus: das Wettbewerbsprinzip. Auf der Suche nach Zukunftsfähigkeit kommen wir nicht umhin, uns diesem zu widmen.

Wettbewerb mag sehr wohl das effizienteste Mittel zur Bekämpfung ökonomischer Knappheit sein, wie im vorherigen Beitrag dargelegt. Aber auch wenn Wettbewerb ökonomisch sinnvoll ist, kann es zu Konflikten mit in dem in einer Gesellschaft womöglich vorhandenen Wertekanon kommen. Eine Gesellschaft könnte sich zum Beispiel etwa anstelle des Wettbewerbsprinzips für einen kooperativen Prozess zur Schaffung eines Gutes entscheiden, weil sie eine andere Form des Miteinanders oder der Begegnung präferiert. Die Folge dessen wäre nicht mehr das effizienteste Gut, sondern eines, das seine Legitimität durch einen abweichenden Prozess erführe.

Für eine zukunftsfähige Gesellschaft müssen wir grundsätzliche Fragen nach dem gesellschaftlichen Miteinander, nach sozialer, ökonomischer und ökologischer Zukunftsfähigkeit stellen und dürfen vor der Antwort nicht zurückschrecken, dass – auch wenn unsere Identität wohl maßgeblich auf dem Wettbewerbsprinzip als Selbstzweck beruht – eine Abkehr von diesem möglich, wenn nicht gar unumgänglich ist.

Zukunftsfähige Gesellschaftsentwürfe könnten natürlich beinhalten, dass Wettbewerb in einem begrenzten Maße, als Mittel zum Zweck, sinnvoll ist. Grundsätzlich nämlich, auch historisch betrachtet, gilt es Wettbewerb insoweit zu würdigen, als dass er einerseits Zusammenleben durch Disziplinierung und Gruppenkohäsion teilweise erst ermöglicht hat und andererseits unser heutiger ökonomischer Wohlstand eindeutig auch auf ihn zurückzuführen ist.

Doch sollte der Gegebenheit Beachtung beigemessen werden, dass Wettbewerb um des Wettbewerbs Willen nicht zukunftsfähig ist. Es bedarf einer sekundär wettbewerbsförmigen Organisation, wie im letzten Beitrag vorgestellt. Und letztlich ermöglicht die Frage nach der Rolle von Konkurrenz in einer Gesellschaft eine Einschätzung über den Reifezustand dieser. Spricht der Mangel an normativen Zielvorgaben für sich?

Kooperation und Gemeinschaft

Es gilt zudem, den Fragen nach den anthropologischen Prägungen des Menschen Raum zu geben und ausgehend dessen Erkenntnisse für ein nachhaltiges Zusammenleben zu generieren. Wer Wettbewerb in allen Lebensbereichen fordert, könnte sich beispielsweise Joachim Bauer zur Hand nehmen, der mehrfach in Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren erläutert, wie sehr entscheidend wir anthropologisch auf Kooperation und Resonanzerfahrungen eingestellt seien.

In diesem Kontext ist es sinnvoll auch Folgendem nachzugehen: Was macht das Wettbewerbsprinzip mit uns, wie beeinflusst es unser intimstes Zusammenleben, unser Glücksempfinden, unser Gefühl, mit der Welt in Beziehung zu treten? So behauptet, exemplarisch genannt Johannes Berger, dass Wettbewerb das erhebliche Problem eines umfänglichen Gemeinschaftsverlusts mit sich bringe. Es lässt sich vermuten, dass es jedoch für Problematiken wie beispielsweise den Klimaschutz solcher Gruppengefühle bedarf.

Knappheit am guten Leben

Darüber hinaus könnten wir uns – statt Energie in die womöglich in unseren Breitengraden überflüssige Bekämpfung von ökonomischer Knappheit zu investieren – der Knappheit am  guten Leben, an gesellschaftlichem Miteinander und wechselseitigem Austausch, an Berührung, voneinander Lernen und gemeinsamem Erleben widmen. In erster Linie würden wir dann nicht die Möglichkeiten zur Effizienz verschwenden, sondern die Möglichkeiten für ein neues Zusammenleben nutzen. Heute allerdings verschwenden wir im Speziellen diese noch. Lassen wir sie uns nicht aus den Händen gleiten.

Dass dies möglich ist, zeigen über vierzig frankophone Autoren durch ihr Konvivalistisches Manifest, in welchem sie eine neue Kunst des Zusammenlebens fordern.

Warum aber findet keine umfassende, fundamentale Debatte über die Rolle von Wettbewerb in heutigen Gesellschaften statt? Weshalb wird das Konkurrenzprinzip grundsätzlich tendenziell als gegeben aufgefasst wird? Eine Antwort darauf lässt sich durch Seduktion erklären – so, wie Byung-Chul Han sich den heutigen Sieg des Kapitalismus erklärt. Ursprüngliche Aggression gegen das System resultiert derzeit in Selbstaggression: Wer im System nicht funktioniert, sucht den Fehler nicht dort, sondern an sich.

Es geht nicht per se darum, Wettbewerb abzuschaffen, sondern vielmehr ihn erst einmal infrage zu stellen.

Aber vergessen wir nicht: Wandel muss kein Zufall sein.

Gaucks Plädoyer für Wettbewerb. Eine Einschätzung.

Dafür, dass die Debatte um die gesellschaftliche Rolle von Wettbewerb auch heute relevant zu sein scheint, steht beispielhaft die Rede Joachim Gaucks anlässlich des 60. Jubiläums des Walter Eucken Instituts. Ähnlich wie Simmel bereits 1903, sieht Gauck wesentliche Vorteile von Konkurrenz. Je nach Ausgestaltung, könne Wettbewerb laut ihm gerecht und positiv umformend sein.

Gerecht, da Ungerechtigkeit gerade durch Minderung von Konkurrenz – beispielsweise durch staatlich umgesetzte Rücksicht auf Partikularinteressen – entstehe. Umformend, da Wettbewerb althergebrachte Privilegien und zementierte Machtstrukturen aufspränge und dadurch Raum für mehr Teilhabe, mehr Mitwirkung schaffe. Sodass dies möglich werde, bedürfe es allerdings eines durch den Staat gesetzten juristischen Rahmens. Darüber hinaus komme es darauf an, mit welcher Ausstattung man das Spielfeld betritt. Deshalb müsse der Staat, um Chancengerechtigkeit zu generieren, für Vorbedingungen sorgen, welche die Konkurrenz selbst zu errichten nicht in der Lage sei. Für eine freiheitliche Gesellschaft sei Wettbewerb ein maßgeblicher Bestandteil.

Gauck vernachlässigt in seiner Rede, anders als Simmel vor über 100 Jahren, nahezu völlig die zerstörerische, vernichtende Seite der Konkurrenz. Er übersieht auch zu fragen, ob Wettbewerb in einer Überflussgesellschaft – im Kontext des in den Industrienationen im 21. Jahrhunderts angehäuften Wohlstands – tatsächlich wünschenswert und unter  beispielsweise ressourcenbezogenen Gesichtspunkten zukunftsfähig ist. Gauck vergisst überdies nach den gesellschaftlichen Implikationen von Wettbewerb, unter anderem auf unser Zusammenleben, zu fragen. Er versäumt zudem den womöglich zu Nachhaltigkeit im Widerspruch stehenden Logiken, die das Konkurrenzprinzip mit sich bringt, Beachtung zu schenken.

Immerhin greift er jedoch indirekt die dem Konkurrenzprinzip zugrunde liegende Steigerungslogik auf. Gauck beschreibt den ständigen Zwang, die erreichte Position gegenüber anderen zu behaupten. Er benennt somit den Druck, sich in keinem Bereich des Lebens mehr ausruhen zu können – da man sonst Einbußen zu tragen habe, die man nicht mehr aufholen könne. Es existiere eine Furcht vor Konkurrenz, denn dieser Wettbewerb, der unser Dasein bestimmt, sei mühsam. Kontinuierlich befinde man sich im Vergleich mit den Übrigen und müsse Acht geben, nicht überholt zu werden. Solche Beobachtungen macht auch Hartmut Rosa.

Sekundär wettbewerbsförmig

Rosa sieht sehr wohl die von der wettbewerblichen Effizienzsteigerung ausgelösten erheblichen Auswirkungen wie den technischen Fortschritt. Aber er bemerkt ebenso wie Gauck, dass sich eine steigende Zahl von Personen zunehmend in einem für die Betroffenen Unruhe erzeugenden Kampf um die eigene Werterhaltung befänden. Laut Rosa sei das Resultat dessen ein Konkurrenzkampf wie ein Nullsummenspiel unter steigendem Einsatz, denn unter Einbezug immer größerer Anstrengungen würden auch die Konkurrenten versuchen, nicht abgehängt zu werden.

Wir befänden uns in einer Wettbewerbsgesellschaft, die primär durch das Bestreben nach Instandhaltung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit als Maxime gekennzeichnet sei. In solch einer Wettbewerbsgesellschaft gehe es nicht mehr darum, etwas zum Beispiel möglichst positiv oder schnell zu tun, sondern positiver oder schneller als die Übrigen. Das Maßgebliche in ihr jedoch sei der Umstand, dass die Setzung materialer Handlungsziele selbst zu einem entscheidenden Wettbewerbsmoment werde.

Daraus ergäben sich drei wesentliche Implikationen: Zum einen Verschwendung, insbesondere hervorgerufen durch eine nicht sinnvolle Überschussproduktion an sozialen Energien und kreativen Ideen. Zum anderen die Dynamisierung der Sozialordnung, eine Steigerungslogik, die sich in allen sozialen Bereichen feststellen lasse  denn das Ausruhen auf dem Bisherigen werde durch kontinuierlich neue Antriebszwänge verhindert. Als dritte Folge identifiziert Rosa, dass Wettbewerb beispielsweise die Ethik in durch Wettbewerb geprägten gesellschaftlichen Bereichen unbestimmt werden lassen könne. Die gesellschaftlichen sowie die ethischen Implikationen des Wettbewerbsprinzips seien enorm und würden letztlich die sozialen Interaktionen, das subjektive Wohlbefinden im Kontext freier Lebensgestaltung sowie die gesellschaftlichen Normen negativ beeinflussen.

Rosa schlägt vor, den Wettbewerb nicht abzuschaffen, sondern die gesellschaftlichen Bereiche wieder sekundär wettbewerbsförmig zu organisieren. Er fordert somit eine Rückkehr zu normativen, im demokratischen Prozess entstandenen Ergebniserwartungen. Zur Zielerreichung an sich, so hält Rosa fest, gäbe es jedoch – insbesondere in einer Welt der ökonomischen Knappheit – für Wettbewerb keine Alternative.

Das Ziel selbst darf also nicht Teil des Wettbewerbs sein! Wie es scheint, gerät dies gerade im europäischen Kontext immer mehr in Vergessenheit. Und womöglich bemerkt Gauck diesen Umstand auch eines Tages. Wie so oft ist Gauck bisher eindimensional.

Send them back! – Sure?

As I look ahead, I am filled with foreboding. Like the Roman, I seem to see the River Tiber foaming with much blood … Only resolute and urgent action will avert it even now. 
                                                                                                aus Enoch Powell, Rivers of Blood Speech
 
 
Von einem Tabu

Enoch Powells Rede stammt aus dem Jahre 1968. Obwohl Powells fremdenfeindliche Äußerungen damals kontrovers diskutiert wurden, stimmten nahezu drei Viertel der britischen Bevölkerung den erschreckenden Aussagen des ursprünglich der Conservative Party angehörigen Politikers zu. Seit dieser Rede habe es keine grundlegende Debatte mehr über Immigration gegeben, behauptet Paul Collier heute. Es existiere ein Tabu. Weshalb? Da beispielsweise unter liberalen Intellektuellen distaste and disdain for opponents of immigration … differentiating tests of identity geworden seien. Und er bemerkt: Policy has been fought over using competing values rather than competing evidence.

Collier, pragmatischer Realist und selbst Nachfahre deutscher Immigranten, möchte Migration nicht ausgehend moralischer, sondern viel mehr ökonomischer sowie sozialer Argumentation analysieren. Sein Ziel ist es einen Diskurs in Gang zu bringen, indem er den Fokus auf Kulturen und deren Diversität als anstelle auf races legt. In seinem Buch Exodus versucht er deshalb einen neuen Rahmen zu schaffen, wie sich über Migration denken lässt. Die Frage Is migration good or bad? sei irrelevant, so der unter anderem in Harvard forschende und lehrende Professor; es gehe um die Frage How much migration is best?

Drei Perspektiven

Um sich dieser Frage zu widmen trifft Collier entscheidende Grundannahmen. Er geht davon aus, dass 40 Prozent der Bevölkerung ärmerer Nationen in die reicheren Länder immigrieren würden – wären sie dazu in der Lage. Für Collier liegt Migration überdies ein sich selbst beschleunigender Mechanismus zugrunde, der auf der Existenz von Diaspora-Zuständen beruhe. Der Professor schlägt nun vor, drei Perspektiven für die Beantwortung der Frage How much migration is best? einzunehmen: die der individuellen Immigranten, die des Heimatlands und die des Immigrationslands.

Welche Implikationen liegen nun laut ihm auf Seiten der Immigrationsländer? Zum einen sinke das wechselseitige Vertrauen in den betroffenen Ländern und zum anderen komme der Wohlfahrtsstaat in Schwierigkeiten. Auslösend hierfür sei ein zu hoher Grad an kultureller Diversität, welcher insbesondere Kooperation und somit folglich die Bereitstellung öffentlicher Leistungen sowie soziale Konventionen einschrenke. Laut Collier beruhe gesellschaftliche Kooperation nämlich unter anderem auf dem Nationalbewusstsein: Nations are important and legitimate moral units; indeed the fruits of successful nationhood are what attract immigrants.

Der unbewaffnete Policeman

Collier illustriert seine Überlegungen am Beispiel der britischen Polizei. Diese komme in Teilen grundsätzlich unbewaffnet aus, was dazu führe, dass eine soziale Konvention unter Kriminellen entstanden sei: Stehen diese der Polizei gegenüber, sollten sie ebenso keine Waffen bei sich tragen. Es lässt sich folglich ein kollektives Verhalten unter Kriminellen ausmachen, obwohl das Tragen einer Waffe für den Einzelnen von Vorteil wäre.

Jedoch sei der unbewaffnete Policeman in Gefahr! Denn obwohl nun beispielsweise Jamaikaner nicht aufgrund Ihrer Gene zu Gewalt neigen würden, täten Sie das womöglich jedoch kulturell. Indem nun eine ausreichend große Anzahl an Jamaikanern in Großbritannien lebe (eine Diaspora, the accumulated stock of unabsorbed migrants), führe dies dazu, dass keine kulturelle Absorbierung mehr stattfinde. Das entstandene eigene kulturelle Netzwerk verhindere eine solche, deren Ausbleiben nun für die britische Polizei tiefgreifende Folgen habe.

Colliers Empfehlungen

Ausgehend seiner Betrachtungen leitet Collier Handlungsanweisungen ab. Als Hauptaufgabe der Politik sieht er die Identifikation einer optimalen Immigrationsrate an. Hilfreich sei diesbezüglich, insbesondere die kulturelle Absorptionsrate zu bestimmen sowie unter anderem die Effekte auf das Heimatland der Immigranten zu beachten. Migration müsse gerechter gestaltet werden! Beispielsweise sei es nicht verantwortbar, dass lediglich die im Heimatland Reichen nach Europa kämen sowie unsere Immigrationspolitik beispielsweise dazu führe, dass es mehr sudanesische Ärzte in London als im Sudan gebe.

Ein konkreter Ratschlag lautet darüber hinaus, illegal Einwandernde sofort zurückzuschicken – Send them back! Die betroffenen Länder hätten ein Recht darauf. Gleichzeitig verhindere diese Taktik laut Collier die Fortsetzung des Desasters im Mittelmeer, in welchem mittlerweile bereits über 17.000 Menschen auf der Flucht ertrunken sind.

Wait a second, sure?

Colliers Herangehensweise wirkt auf den ersten Blick hilfreich; allerdings vernachlässigt er wesentliche Punkte. Angenommen, Diaspora-Zustände würden tatsächlich Gesellschaften auseinanderreißen, lässt sich ganz unabhängig ob dies zutrifft oder nicht entgegnen, dass  eben solche Zustände die partnerschaftlichen Bindungen zwischen unterschiedlichen (!) Gesellschaften stärken können. Gerade in Anbetracht der Herausforderungen des 21. Jahrhundert würde somit ein wichtiger Beitrag geleistet, wie Paul Crider unter Bezug auf Robert Guest analysiert. Ergänzend beschreibt Crider die incentives to fit in with the host society als extremely powerful.

Darüber hinaus schenkt Collier der Bedeutung von gesellschaftlichen Klassen zu wenig Beachtung und vermischt bei seinen Anführungen von Studien solche zu genetischen Auswirkungen mit seinen Schlussfolgerungen über kulturelle Differenzen. Ebenso lassen sich seine Bedenken gegenüber zukünftigen Entwicklungen nicht historisch fundiert belegen, insbesondere wenn die Erfolgsgeschichten der USA oder Städten wie London herangezogen werden.

Das gravierendste Problem stellt jedoch sein Bestreben dar, Immigrationsraten senken zu wollen. Michael Clemens nimmt Colliers Argumentation in seiner Rezension auseinander, indem er beispielsweise belegt, dass opening up labor markets … the lives of natives as well as those of immigrants verbessert sowie in Anbetracht sozialer Konsequenzen erklärt, dass crime significantly lower in neighborhoods in the UK with the largest immigrant inflows ist. Bereits in einem seiner Paper konnte Clemens das ökonomische Potential von free migration eindeutig zeigen: Das globale BIP würde sich verdoppeln.

No!

Es wird klar, dass Colliers Aufforderung Send them back! nicht gefolgt werden sollte. Im Speziellen dann nicht, wenn wir die aus unserem Selbstverständnis resultierende moralische Argumentation hinzunehmen.

Collier schreibt selbst: Economics [and economists] should not be a very important criterion for determining immigration policy.

Insbesondere nicht Collier! Damit immerhin liegt er richtig.

Vom Antonym für Fragilität

Die Welt, wie wir sie kennen, kennen wir nicht – präziser: nicht mehr. Gewiss ist bloß, dass nichts sicher ist. Gerade dies zeichnet unsere hyperkomplexen Sphären aus. Die Welt ist nicht mehr umfänglich einschätzbar, greifbar – Risiko nicht bestimmbar. Mit diesen Phänomenen beschäftigt sich Nassim Nicholas Taleb. Der Autor des Schwarzen Schwans, in welchem Taleb den ungeheuren Einfluss von Unvorhergesehenem auf unsere Welt und wie wir diesen konsequent unterschätzen zu veranschaulichen versucht, liefert nun eine herausragend spannende Analyse unserer Zivilisation.

Taleb bemerkt, bisher gebe es noch kein Antonym zum Begriff Fragilität. Fragil sei etwas dann, wenn es unter Turbulenzen leide. Als Gegenteil zu fragil könne robust – woran möglicherweise zuerst gedacht würde – deshalb nicht dienen, da es neutral auf Turbulenzen reagiere, also durch diese nicht beeinflusst werde. Es müsse also ein Wort geben, welches veranschauliche, dass etwas von Ungewissheit, Abenteuer und ungeahntem Wandel profitiere: Antifragilität. Das Antifragile steht Zufälligkeit und Ungewissheit positiv gegenüber, und das beinhaltet auch – was entscheidend ist – die Vorliebe für eine bestimmte Art von Irrtümern. Dieses Konzept stellt den Grundstein seiner Überlegungen dar.

Handhabung komplexer Systeme

Als Tragödie der Moderne macht Taleb das wohlgemeinte Streben aus, Stressoren reduzieren zu wollen. Ein solches Vorgehen sei jedoch für komplexe Systeme dramatisch, denn gerade durch die Reduktion von Stressoren sinke die Antifragilität der Systeme. Ähnlich wie neurotisch überfürsorgliche Eltern schaden uns häufig die Personen am meisten, die uns beschützen wollen.

Die Unmöglichkeit Risiken zu kalkulieren beziehungsweise das Eintreten dieser vorherzusagen sei noch nicht im Denken angekommen; daher rühre das Bedürfnis, Ungewissheit entgegenwirken zu wollen. Dass es besonders verhängnisvoll sein kann, zu glauben, Risiken seien einschätzbar, machte Taleb bereits in seinem zuvor erschienenen Buch am Beispiel der Schwäne (angelehnt an Popper) deutlich: Niemand in Europa hätte je in Erwägung gezogen, es könnte Schwäne geben, die nicht weiß sind – die Entdeckung Australiens hingegen zeigte das Gegenteil. Schwarze Schwäne.

Das Antifragile hingegen mache sich Vorhersagefehler zu Nutze; anstatt Fehler zu hassen schätze es sie. Unsere Zivilisation allerdings werde zunehmend blinder für das Geheimnisvolle, das Undurchdringliche und somit insbesondere blinder für das Antifragile. Wollen wir Zukunftsfähigkeit generieren, wird es unausweichlich, das, was unfähig ist Unbeständigkeit zu vertragen, nicht als gegeben hinzunehmen und sich dem Antifragilen zuzuwenden. Zwei Beispiele:

1. Denkstrukturen

fragil: neuzeitlich ___ robust: europäisch-mittelalterlich ___ antifragil: altertümlich-mediterran

2. Zwischenmenschliche Beziehungen

fragil: Freundschaft ___ robust: Verwandtschaft ___ antifragil: Hingezogensein

Klein und groß in schweren Zeiten

Taleb thematisiert in seiner Analyse unserer Welt vielfach das Verhältnis zwischen Größe und Antifragilität. Für ihn beruhe Fragilität  insbesondere auch die eines politischen Systems  auf Nichtlinearität.  Im Widerspruch zu allem, was … gelehrt wird, wirkt Größe sich in Belastungssituationen schädlich aus; es ist nicht gut, in schweren Zeiten groß zu sein. Dem Großen würden Schocks, wenn deren Intensität steige, exponentiell höheren Schaden zufügen als dies bei Kleinem der Fall sei. Talebs Beweis dafür ist mathematischer Natur, welchen er  auf seine Art anschaulich  auch anders ausdrückt: Wenn man eine Katze aus der Höhe eines Mehrfachen ihrer Körpergröße fallen lasse, überlebe sie vermutlich. Bei einem Elefanten hingegen sehe es anders aus.

Interessant wird es im Speziellen bei der Anwendung seiner Erkenntnisse auf sowohl Nationalstaaten als auch die Europäische Union. Auf Facebook schreibt Taleb: Just look around: Singapore, Denmark, Norway, Switzerland, Dubai, compared to their neighbors. Focus on otherwise same ethnicity (Cyprus vs Greece, Lebanon vs Syria). Things are a bit more complex: it is the decision-making unit which would put federations like Germany and the US in the same group). Note that for small state to do well, all we need is a „pax“ of an Empire, „pax Romana“, „pax Ottomana“, etc. Which we have with EU, US, Nato, etc.

Liegt er tatsächlich richtig? Auf eben diese Spurensuche werde ich mich begeben.

Handeln und Denken

Bereits zu Beginn der Rezeption von Talebs Werken, an dem ich derzeit stehe, wird bewusst, welch großartiger Denker am Werk ist. Apropos Denken, womöglich sollten wir unter anderem auch folgender Erkenntnis Talebs Beachtung schenken: Wir sind im Großen und Ganzen besser, wenn wir handeln, als wenn wir denken, und das verdanken wir der Antifragilität.

Taleb begeistert, entgegen erheblicher Kritik. Und beim Lesen entsteht das Gefühl, dass er der doxastischen Verpflichtung, von welcher er schreibt – also der Bereitschaft, für Überzeugungen auch persönliche Risiken einzugehen – ebenso selbst nachkommt. Kompromisse, so Taleb, seien gleichbedeutend mit Billigung.

Abwesenheit der Zukunft

Global civilization faces a new breed of cataclysm [Verheerung], behaupten Nick Srnicek und Alex Williams. Zwar seien die Jahrzehnte ab Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts stets durch die Vorstellung geprägt gewesen, unsere Gesellschaft könne sich möglicherweise in eine positive Richtung entwickeln, doch was der Neoliberalismus heute zu bieten habe zeige klar: The future has been cancelled.

Widerhall des Kommenden

Der Zusammenbruch des weltweiten Klimasystems sei die größte Herausforderung. Allerdings könne die derzeitige Politik bereits bei kleineren, jedoch in ihrem destabilisierenden Potential ähnlichen Problemen nichts mehr ausrichten. Weshalb? Die Politik sei unfähig neue Ideen, Konzepte sowie erfolgversprechende Herangehensweisen zu generieren, welche eine Transformation unserer Gesellschaft ermöglichen könnten – um der aufkommenden Vernichtung zu begegnen und dieser zielführend entgegenzuwirken. While crisis gathers force and speed, politics withers and retreats.

Die Zeit der politischen Linken scheint nun eindeutig endlich gekommen zu sein – soetwas müssten sie sich doch zu eigen machen. Eine Regung wird indes in keiner Weise ersichtlich. Die Linken scheinen es schlicht nicht zu schaffen, die Version beziehungsweise das Projekt einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu entwerfen, anzugehen oder gar umzusetzen.

Auch Srnicek und Williams sind sich dessen bewusst und schlagen deshalb ihren eigenen Maßnahmenkatalog vor. The future doesn’t have to be over, … a new and different future must be constructed. Wir müssten uns wieder an die Zukunft erinnern, so die Theoretiker. Ihr Vorschlag ist der des Akzelerationismus. Obwohl noch nicht vollumfassend ausgereift, zeichnet er sich als vielversprechendes Konzept ab. Wie sieht es aus? What acclerationism seeks is to allow human potential to escape from the trap set for it by contemporary capitalism. Der Akzelerationismus plädiert dafür, die Entfremdung im Kapitalismus anzuheizen, zu beschleunigen.

Vorhersagbarkeit

Der Kapitalismus soll also nicht von einem auf den anderen Tag abgeschafft werden. Es geht vielmehr darum, den Kapitalismus auszuweiten, Wachstum zu forcieren und somit in letzter Instanz über diesen Prozess den Kapitalismus zu überwinden – durch seine selbstständige Auslöschung. Gerade Beschleunigung wird somit zur Brücke, auf deren anderer Seite eine zukunftsfähige Gesellschaft liegt.

Was der Kapitalismus bisher beispielsweise in den Bereichen Wissenschaft und Technik erreicht habe wird seitens der Akzelerationisten indes sehr wohl als erhaltenswert angesehen und für die Implementierung einer zukunftsfähigen Gesellschaft als kaum abdingbar betrachtet. Accelerationist politics seeks to preserve the gains of late capitalism while going further than its value system, governance structures, and mass pathologies will allow.

Der Akzelerationismus hat enormes Potential. Wir können uns auf mehr freuen. Nein, wir müssen uns auf mehr freuen, denn the choice facing us is severe: either a globalised post-capitalism or a slow fragmentation towards primitivism, perpetual crisis, and a planetary ecological collapse.

Letztlich ist an den Überlegungen der Akzelerationisten insbesondere die Erkenntnis entscheidend, dass eine Revolution kein unvorhersehbarer Zufall sein muss. Tiefgreifender Wandel ist planbar.

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