Fragmente

Ronja (24). Germany.

                    Ronja (24). Deutschland. Für Notices.

 

Sprunghaftigkeit

Schaut man sich Chronophotographien der Bewegung eines Weitsprungs an, so kann man sehen, dass der Springer, im Moment, da sein Fuß das Brett berührt, in eine leichte Rücklage geht. Eine Bewegung nach unten-hinten, obwohl er doch nach oben-vorne will. Nach dem entschlossenen Anlauf scheint hier ein, wenn auch kurzes, Zögern auf. Ein Zaudern vor dem Sprung. Dieses vorübergehende Innehalten, „die unbestimmte Ahnung eines Unbekannten [ist] Vorbote […], daß etwas anderes im Anzuge ist“ (Hegel). Hier werden Kräfte gebündelt, aber hier wird auch die Unendlichkeit möglicher Entscheidungen sichtbar. S t o p ! Kurz steht alles und es steht auf dem Spiel: Springen? Nicht Springen? Stehenbleiben? Umkehren? Was nun? Die Kontinuität der Bewegung findet ihr abruptes Ende in der Anbahnung des Anfangs einer anderen Bewegung, die sich dann um so plötzlicher Bahn bricht. S p r u n g ! „[D]ieses Heraustreten des Entgegengesetzten aus der Unendlichkeit oder seinem Nichts, schreibt Hegel. Genauer gesagt ein qualitativer Sprung. Eine historische Veränderung also, die die Grenze zwischen zwei Schichten einer diskontinuierlichen Geschichte quert.

Eine Richtungsänderung. Ein Grenzsprung. Nach Zaudern, aber unverzagt.

Lukas Helbich analysierte für Grenzsprung.

 

 

Überlegungen

Überflussgesellschaft

Die besten Plätze in einem Konzert bleiben stets knapp – ganz egal wie sich die Wohlstands- und Einkommensstrukturen entwickeln. Folglich bleiben diese Plätze also stets nur einer kleinen Gruppe der Gesellschaft vorbehalten. Da sich nun aber der Teil, der keinen Zugang zu diesen Plätzen hat, womöglich von seiner Natur her nie mit den übrigen Plätzen zufrieden gibt, streben diese Menschen unaufhörlich nach den Besten, anstatt sich mit den übrigen Plätzen zufrieden zu geben.

Für Robert und Edward Skidelsky ist klar: Es gibt keinen Grund, warum die Eskalation des Einkommens zum Erwerb und zur Aufrechterhaltung von Status je enden sollte – und somit ein Suffizienzgedanke einsetzen könnte. Auslöser dafür sei nicht der Kapitalismus, sondern der Grund liege in der menschlichen Natur und der sozialen Verfassung der Menschen. Der Kapitalismus födere lediglich diese Neigungen.

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Märkte

Märkte existierten bereits bevor es ein Bewusstsein oder gar eine begriffliche Festlegung für solche gab. Vermutlich haben sie ihre Ursprünge in Geschenken, die Stämme sich vor über 3000 Jahren gegenseitig machten. Aber auch die Neolithische Revolution wird häufig als Ausgangspunkt der Herausbildung von Märkten angesehen. Historisch ging mit der Ausbreitung von Märkten nicht nur die Entwicklung der Städte einher, sondern Märkte hatten auch Anteil an entscheidenden gesellschaftlichen Veränderungsprozessen wie beispielsweise der Industriellen Revolution.

Karl Polanyi versteht unter dem Begriff Markt einen Treffpunkt zum Zweck von Tausch, Kauf und Verkauf. Der Markt sei eine spezifische Institution, deren Herausbildung häufig durch Fernhandel hervorgerufen sei. Richard Swedberg hingegen macht zwei Bedeutungen des Begriffs Markt aus. Zum einen sei dieser ein Gebiet, auf dem Tausch stattfindet und zum anderen sozialer Mechanismus für wirtschaftliches Wachstum.

Laut Patrik Aspers zeichne einen Markt die Eigenschaft aus, dass lediglich sich ähnliche Angebote in diesem einen Markt gehandelt würden. Als Markt bezeichnet er eine social structure for the exchange of rights which enables offers to be evaluated and priced und liefert damit eine überzeugende Definition. Struktur werde durch shared practices and cognitive frames der Agierenden beständig; sie sei Ergebnis des Handelns der Akteure. Den von Aspers verwendeten Terminus Sozialstruktur prägte zuvor Harrison C. White, welcher (Produktions-)Märkte als self-reproducing social structures among specific cliques of firms and other actors who evolve roles from observations of each other’s behavior ansieht. Der entscheidende Aspekt sei diesbezüglich, dass Produzenten sich gegenseitig beobachten würden.

Max Weber behauptet, es lasse sich dann von einem Markt sprechen, sobald auch nur auf einer Seite eine Mehrheit von Tauschreflektanten um Tauschchancen konkurrieren. Er beschreibt den Markt als ein Mit- und Nacheinander rationaler Vergesellschaftungen, welche ihn letztlich zu der Annahme führen, dass der Markt Frieden schaffe.

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Hell und Dunkel

Bei der Betrachtung unterschiedlicher Ausprägungen von Wachstum, Wohlstand und Armut auf unserem Planeten fällt Erstaunliches auf. Ein nächtlicher Blick aus dem All auf Nord- beziehungsweise Südkorea zeigt nahezu absolute Dunkelheit in Nordkorea, wohingegen Südkorea erstrahlt. Insbesondere die Grenze zwischen den beiden einst vereinten Staaten wird durch den Kontrast gut sichtbar. Ähnliches zeigt die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Hierfür steht beispielhaft die Stadt Nogales, deren eine Hälfte auf US-amerikanischem und die andere auf mexikanischem Boden liegt. Allein die Kriminalitäts- oder Kindersterblichkeitsrate verdeutlichen die Unterschiede zwischen beiden Teilen der Stadt, die nur durch einen Zaun voneinander getrennt zu sein scheinen. Vergleichbares sehen wir an den Außengrenzen der Europäischen Union.

Auf der Spurensuche nach Gründen für unter anderem die hier soeben beschriebenen Unterschiede kommt man um Daron Acemoglu und James A. Robinson nicht umhin. Beide versuchen sich an einer Erklärung für eine der komplexesten Fragestellungen unserer und wohl auch kommender Zeit: Worin liegt der Grund für die Grenzunterschiede?

Geographie? Eine vielfach angeführte These. Individuen aus tropischen Zonen seien deutlich weniger innovativ und würden dazu tendieren, von Despoten beherrscht zu werden – behauptete bereits Montesquieu. Jeffrey Sachs sieht eine unproduktive Landwirtschaft und Krankheiten wie Malaria als Ursachen. Doch können all diese Faktoren nicht erklären, warum beispielsweise die Stadtteile in Nogales so stark divergieren.

Kultur? Auch diese These findet sich in der Literatur häufig. Bestimmte Länder seien erfolgreicher, da beispielsweise die Arbeitsmoral im Verhältnis zu anderen ausgeprägter sei. Doch auch diese These kann nur einen kleinen Beitrag zur Erklärung beitragen. Wieso sollten Nord- und Südkorea sonst solch unterschiedliche Entwicklungen durchlaufen haben?

Für Acemoglu und Robinson sind es Institutionen, die den Unterschied ausmachen – genauer gesagt inklusive Institutionen. Als Institutionen verstehen sie rules that govern and shape economic and political life. Eine inklusive ökonomische Institution ist für die Wissenschaftler beispielsweise das Patentrecht wie wir es heute kennen.

Natürlich spielen auch Geographie, Kultur und weitere Faktoren wie Gene eine Rolle, doch liefern Acemoglu und Robinson mit ihrem Werk und dem Fokus auf Institutionen eine neue, wichtige und zugleich sehr gut nachvollziehbare Perspektive.

Inklusive Institutionen sind es auch, welche den Großteil der Länder Europas und im Speziellen die EU prägen. Für diese können wir dankbar sein und sollten bei Wunsch dazu beitragen, auch anderen Ländern solche zu ermöglichen.

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Von der beidseitigen Utopie zur wechselseitigen Realität

Nur Begrenztes sei erkennbar, erst die Abgrenzung ermögliche Konstitution – behauptet Platon. Für Kant wiederum stellt die Grenze etwas Positives im Raum oder der Zeit dar und existiert alles andere als grundlos: sie beschreibe, an welchem Punkt das Begrenzte in seinem Aufbau vollendet sei.

Grenzen sind prägende Elemente unserer Geschichte, beeinflussen unsere Gegenwart in gravierendem Maße und werden – je nach menschlichem Bestreben – wohl auch die Zukunft bestimmen. Doch was zeichnet Grenzen explizit aus? Stellen sie die Linie zwischen dem Gleichen gegenüber dem Andersartigen dar?

Laut Solange Chavel seien Grenzen schlicht Institutionen. Ihre Entstehung werde dadurch hervorgerufen, dass sie unterschiedliche Spielregeln der jeweils einen Seite zweier Gebiete im Kontrast zur anderen kenntlich machen würden. Doch auch Chavel sieht – und da steht sie in einer Linie mit Platon – den prinzipiell identitätsstiftenden Aspekt einer Grenze.

Die Grenze ist es nämlich, welche sehr wohl eine kennzeichnende Differenzierung gegenüber einer anderen Einheit ermöglicht. Gerade dies macht sie zu einem Phänomen, das erstrebenswert und gefährlich zugleich ist. Weshalb gefährlich? Schnell wird sie zum Werkzeug politischer Eliten, denn die Angst vor dem Ungleichen, dem identitätsstiftenden Unterschied zur anderen Seite, fördert die bisherigen Machtverhältnisse. Die Grenze wird zum Feind der Verständigung, da sie unter anderem Feind der Mobilität, des Austauschs und der erzwungenen Kommunikation ist. Nicht gerade umsonst bekräftigt die Globalisierung territoriale Markierungen. Grenzen, alles andere als zeitgemäß, sind noch immer modern.

Die Probleme der Hypermoderne erfordern allerdings Neudenken. Und zwar nicht unbedingt beziehungsweise nicht nur auf nationalstaatlicher oder international-organisatorischer Ebene. Es bedarf besonders der Entgrenzung unserer mentalen Barrieren. Nur so können globale Herausforderungen erfolgsversprechend angegangen werden. Hypermoderne Probleme unterscheiden sich grundlegend: sie divergieren räumlich in Ursache und Implikation, sind grenzenunabhängig und von erstmalig existentieller Tragweite. Als ersten Schritt gilt es nun, sich den Grenzen selbst zu widmen. Eines der großartigen Dinge an Grenzen: die Möglichkeit des Überspringens ist ihnen inhärent. Wie könnte das angegangen werden? Durch die Wahrnehmung der Realitäten (der Spielregeln) beider Seiten.

Als weiteren Schritt brauchen wir gemeinsame Identitäten (ja, ein Paradoxon), die dem klassischen Identitätsbegriff zuwider laufen und Parallelen zum Konzept der Transkulturalität (siehe unten) aufweisen. Soziologisch betrachtet impliziert Identität das, was im Selbstverständnis des Einzelnen beziehungsweise einer Gruppe als fundamental angesehen wird.

Gemeinsame Identitäten im transkulturellen Kontext bedeuten nicht, dass eine globale Identität existiert, sondern der Einzelne transkulturelle Elemente in sich führt. Diese entstehen dadurch, dass wir das Fremde in uns selbst realisieren. Die Erkenntnis dessen stiftet dann neue Identitäten – auch durch Bemerken von Similaritäten.

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Transkulturalität als neue Dimension in Abgrenzung zu Inter- und Multikulturalität

In einer globalisierten Welt sei Inter- und Multikulturalität nur noch von geringer Relevanz, behauptet Josef Wieland. Das Konzept der Transkulturalität sei heute bedeutender. Allein die Bereitschaft zu Toleranz und Konfliktlösung reiche nicht mehr aus; heute bedürfe es der Fähigkeit zur Definition gemeinsamer Interessen und Werte. Lediglich transkultureller Verstand ermögliche in letzter Dimension die Schaffung eines gemeinsamen moralischen Raumes. Klassische Grenzen zwischen Kulturen gebe es schlicht nicht, denn Kulturen seien durch gegenseitige Durchdringungen und Mischungen charakterisiert. Auch Wolfgang Welsch hält diesbezüglich fest: Transkulturalität will beides anzeigen: dass wir uns heute jenseits der klassischen Kulturverfassungen befinden; und dass die neuen Kultur- bzw. Lebensformen durch diese alten Formationen wie selbstverständlich hindurch gehen.

Paul Drechsel versteht gestützt auf Ulrich Beck unter Transkulturalität variable Schemata, welche überlappende Loyalitäten bewirken würden. Zusammenfassend lässt sich nach Hamid Yousefi festhalten, dass Transkulturalität ein Ansatz ist, der eine gemeinsame Kultur jenseits bestehender kultureller Eigenheiten annimmt.

Eine auf Abgrenzung beruhende Herangehensweise kann somit als nicht mehr zeitgemäß und insbesondere als nicht mehr zukunftsfähig angenommen werden. Transkulturalität stellt also eine neue Dimension dar, die über inter- und multikulturelle Ansätze hinausgeht.

 

 

Entdecktes zu Herausforderungen

Teilenswertes

Denkend

When we think of the world’s future, we always mean the destination it will reach if it keeps going in the direction we can see it going in now; it does not occur to us that its path is not a straight line but a curve, constantly changing direction.

Aus Ludwig Wittgenstein, Culture and Value

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Lernend

Out of the experience of an extraordinary human disaster that lasted too long, must be born a society of which all humanity will be proud.

No one is born hating another person because of the colour of his skin, or his background, or his religion. People must learn to hate, and if they can learn to hate, they can be taught to love, for love comes more naturally to the human heart than its opposite.

Aus Nelson Mandela, Long Walk to Freedom

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Transkulturell

Toleranz gegenüber Christen und Juden war Gesetz und Stolz der muslimischen Zivilisation. Unter muslimischer Herrschaft blieben ganze Völker christlich oder jüdisch. Als der muslimische Feldherr Tariq ibn-Ziyad 711 auf der Iberischen Halbinsel landete, begannen in Andalusien über siebenhundert Jahre kultureller und wissenschaftlicher Blüte, von deren Ausstrahlung die westliche Zivilisation bis heute profitiert. Im damals modernsten Staat Europas entwickelte sich eine beispiellos erfolgreiches Miteinander von Muslimen, Juden und Christen.

Erst als der christliche König Ferdinand von Aragon 1492 im Rahmen der Reconquista Granada, die letzte muslimische Bastion in Spanien, eroberte, gingen die Lichter aus, begann eine erbarmungslose Judenvertreibung. Hunderttausende Juden, die, jahrhundertelang angesehen und mit höchsten Ämtern ausgezeichnet, harmonisch mit ihren muslimischen Mitbürgern zusammengelebt hatten, wurden von den christlichen Eroberern aus dem Land gejagt. Es begann das Zeitalter der christlichen Inquisition, die Andersgläubige vertrieb oder auf Scheiterhaufen verbrannte.

Die meisten von den Christen verjagten Juden flohen in muslimische Länder, wo sie freundlich aufgenommen wurden. Risse bekam das Miteinander von Christen, Juden und Muslimen in den muslimischen Ländern erst durch den Kolonialismus und den Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts, als Christen und Juden von manchen Muslimen als Teil des aggressiven westlichen Imperialismus wahrgenommen wurden. Die Kriege des Westens gegen Afghanistan und den Irak haben diese Risse vertieft.

Muslime überlieferten uns im aufgeklärten andalusischen Zeitalter nicht nur die versunkenen Schätze griechisch-römischer Kultur. Sie schufen auch neue Wissenschaften. Ihnen sind die Anfänge der experimentellen Optik, der Kompass, die Kenntnis der Planetenlaufbahnen und wesentliche Teile der modernen Medizin und Pharmazie zu verdanken. Sie haben die westliche Zivilisation um Quantensprünge nach vorne gebracht.

Auch wenn viele unserer Politiker und Publizisten es nicht wahrhaben wollen: Wir leben heute in einer christlich, jüdisch, islamisch geprägten Kultur.

Aus Jürgen Todenhöfer, Feindbild Islam

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Zukunftsfaul

Ich glaube, die wenigsten wissen, worin die eigentliche Krise besteht. In den 60er, 70er, auch Anfang der 80er Jahre hatte man, wenn man in Europa tätig war, das Gefühl, man handelt im Namen aller. Alle wollten mehr Europa. Grenzen weg, Handelshemmnisse weg, alles was Nationen, Staaten, Regionen, ergo Menschen trennt, sollte weg. Heute hat man das Gefühl, dass sich die öffentliche Meinung in allen unseren Ländern und damit auch die öffentliche Meinung in Europa, obwohl es die europäische öffentliche Meinung überhaupt nicht gibt, in zwei Teile aufspaltet.

50 Prozent der Leute denken, wir brauchen mehr Europa. Dazu gehöre ich. Und es gibt etwa einen gleich großen Bevölkerungsanteil, auch 50 Prozent, die sagen, wir haben zu viel Europa. Das heißt, es hat sich etwas Fundamentales geändert. Früher vermittelten die Politiker den Eindruck, sie seien langsamer, als die Völker es gerne hätten. Und heute vermitteln diejenigen, die gerne mehr Europa hätten, den Eindruck, sie wären schneller als die andere Hälfte der Bevölkerung, die der Auffassung ist, es reicht jetzt, wir haben genug Europa.

Das ist die europäische Krise. Europa hat den Kompass verloren, weil die, die den Kompass in den Händen halten, ihn von links nach rechts, und dann, nachdem sie ihn von links nach rechts gewechselt haben, ihn in die Tasche stecken oder wegwerfen. Wir sind ohne Kompass, nicht, weil die Politik schwach wäre – die ist das auch –, sondern weil die Menschen etwas zukunftsfaul geworden sind.

Aus Jean-Claude Juncker, Gespräch im Deutschlandfunk

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Entterritorial

Politische Ordnungen der Zukunft werden vermutlich weniger in einem engeren Sinne als territoriale Ordnungen mit fixierten Grenzen anzusehen sein. Die neue soziale und politische Geographie wird auf ein grundlegend neues Modell des Verhältnisses von territorialen Grenzen, Mitgliedschaft, Mobilität, Integration und politischer Autorität zulaufen, welches stärker über Assoziationsgrade und -zonen funktioniert als über kategorialen Ein- und Ausschluss, wie ihn die klassischen Nationalstaaten praktiziert haben.

Damit liefern sie genügend Grund, die Territorialfalle herkömmlicher Analysen politischer Herrschaft im Nationalsaat zu überwinden und den Blick auf komplexe und auch mehrdeutige Grenzziehungen und -bezüge zu richten. Die theoretischen und empirischen Herausforderungen, die sich aus dieser Transformation ergeben, sind … enorm, weil wir an Konzepte gewohnt sind, die klare Zuordnungen und Demarkationen zur Voraussetzung haben.

Aus Steffen Mau, Transnationale Vergesellschaftung

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Planetarisch

Die Welt ist zu klein für jenen Patriotismus, der zu Kriegen führt. Patriotismus ist nicht einmal mehr in Friedenszeiten nützlich … Wir dürfen zwar auf unser Land, unsere Sprache, unsere Kultur oder unsere Traditionen stolz sein, aber es darf nur jener abstrakte Stolz sein, den wir einem Baseball-Team entgegenbringen.

Die Probleme unserer Welt sind planetarisch. Keine Nation ist ihnen allein gewachsen … Kurz: Probleme von planetarischen Ausmaß erfordern ein planetarisches Programm und eine planetarische Lösung … Die Aufgabe lautet ganz allgemein: zu erhalten. Wir müssen die Umwelt erhalten, die Verhaltensformen, die zur Konsistenz und Lebensfähigkeit der Biosphäre beitragen, die Schönheit und Harmonie.

Die gute Erde stirbt. Darum sollte man im Namen der Menschheit etwas tun; harte, aber notwendige Entscheidungen treffen. Schnell. Sofort.

Aus Isaac Asimov, Essay in Warum Krieg?

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Paradox

Europa hat das höchste Niveau privater Vermögen der Welt und gleichzeitig die größten Schwierigkeiten, seine Krise der öffentlichen Verschuldung zu lösen – ein absolutes Paradoxon.

Aus Thomas Piketty, Capital in the Twenty-First Century

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Überschreitend

…the tempo of movement has accelerated further. It has never been as easy as it is now to cross borders physically. More people then ever before are living away from home. But at the same time, we are discovering that the most heavily policed frontiers are not physical but linguistic and cultural. These borders are embedded in the everyday life of ordinary people and we ourselves do more to police them, than any security force could hope to achieve.

Aus Joseph Shaules, Deep Culture – The Hidden Challenges of Global Living

 

 

 

Gedanken zu Grundsätzlichem

Entgegnungen

 

Quintessence

What a piece of work is a man! How noble in reason, how infinite in faculty! In form and moving how express and admirable! In action how like an angel, in apprehension how like a god! The beauty of the world. The paragon of animals. And yet, to me, what is this quintessence of dust? Man delights not me. No, nor woman neither, though by your smiling you seem to say so.

Aus William Shakespeare, Hamlet

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Beziehung

Die Liebe als das Absolute ist für Hegel ein Schluss. Der Liebende stirbt zwar im Anderen, aber auf diesen Tod folgt eine Rückkehr zu sich. Die Rückkehr zu sich aus dem Anderen ist aber alles andere als eine gewaltsame Aneignung des Anderen, die man fälschlicherweise zur Hauptfigur des Hegelschen Denkens gemacht hat. Heute sollte man Hegel anders lesen als es etwa Derrida, Deleuze oder auch Bataille gelehrt haben. Die Rückkehr zu sich ist keine Aneignung, sondern die Gabe des Anderen, der die Preisgabe, die Aufgabe des Selbst vorausgeht. Absolut ist der Schluss, weil er nicht beschränkt ist. Ein beschränkter Schluss bedeutet, dass ich mir einen Teil des Anderen bloß aneigne, wobei ich unverändert bei mir selbst bleibe. Die Liebe als absoluter Schluss setzt eine Aussetzung des Selbst voraus. Sie ist Verwandlung. Die liebende Umarmung ist ein weiteres Sichtzeichen des Schlusses. Die Liebeserklärung ist ein Versprechen, das eine Dauer, eine Lichtung in der Zeit hervorbringt. Die Treue ist selbst eine Schlussform, die eine Ewigkeit in die Zeit einführt. Sie ist der Einschluss der Ewigkeit in der Zeit.

Aus Byung-Chul Han, Bitte Augen schließen

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Hingabe

Einzig und allein durch Hingabe kann man die absolute Wahrheit erkennen. Die letztendliche Wahrheit lässt sich in der Domäne des gewöhnlichen Geistes nicht erkennen. Es ist also unumgänglich, wahre Hingabe kennen zu lernen. Sie ist niemals eine kritiklose Anbetung; sie verlangt auf keinen Fall das Aufgeben von Eigenverantwortung … Wahre Hingabe ist eine stetige Empfänglichkeit für die Wahrheit.

Aus Sogyal Rinpoche, Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben

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