Ein Gedankenexperiment. Zinssatz, Organisationsgröße und Fragilität.

Nehmen wir einmal an, der Zins sei tatsächlich ein Risikomaß oder besser gesagt: Die Höhe des Zinssatzes ermögliche eine Aussage darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Kredit mitsamt Zinsen (nicht) zurück gezahlt werden wird. Betrachten wir nun zwei Unternehmen im Finanzierungskontext. Im theoretischen Modell müssten beide Unternehmen – angenommen beide wären bis auf ihre Größe identisch (gleiches Geschäftsmodell, Kapitalstruktur etc.) – ganz unabhängig von Ihrer Größe den gleichen Fremdkapitakostensatz haben, sprich zum Beispiel den gleichen Zinssatz auf einen Kredit zahlen. Transferieren wir dieses Beispiel nun in die Praxis und stellen uns ebenso hier zwei außer ihrer Größe identische Unternehmen vor, dann fragt sich, was wir feststellen würden. Ich vermute, wir würden identische Fremdkapitalkostensätze womöglich auch dort vorfinden oder aber bemerken können, dass das größere Unternehmen einen geringeren Fremdkapitalkostensatz als das kleinere Unternehmen aufweist.

Als einer von vielen, aber wesentlicher Grund für letzteres, also einen höheren Fremdkapitalkostensatz, könnte es dann sein, dass seitens der Gläubiger – zum Beispiel einer Bank – das Risiko eines Ausfalls bei einem kleineren (bis auf die Größe identischem) Unternehmen höher eingeschätzt wird. Sollte dies zutreffen, würde es implizieren, Größe per se führe in der Praxis (zumindest in der Einschätzung seitens der Gläubiger) zu geringerem Risiko. Beispielsweise würde das heißen, dass eine Bank annimmt, ein größeres Unternehmen könnte beispielsweise eine Krise besser abfedern als ein kleineres. Sollte das Risiko bei beiden Unternehmen gleich sein, also ersteres zutreffen, wäre das insoweit interessant, als dass die theoretischen Hintergründe bestätigt wären. Tendenziell würde dann folglich dem ganzen Kontext zugrunde liegen, dass Groß genauso risikobehaftet ist wie Klein – oder gar wünschenswerter ist. Was wäre aber nun, wenn das Risiko von Klein geringer ist als das von Groß? Nun, dann würde die Bank womöglich einen gewaltigen Fehler begehen.

Es ist nun gewagt, das gerade Beschriebene mit Nassim Nicholas Talebs Betrachtungen in Verbindung zu setzen – insbesondere deshalb, da er postuliert, Risiko sei grundsätzlich nicht bestimmbar. Ich möchte aber nun dazu anregen, sich darauf einzulassen, zumindest temporär eine enge Verbindung zwischen Risiko allgemein und Talebs Ansatz der (Anti-)Fragilität zu sehen. Dieser Zusammenhang lässt sich wohl im Kontext des Zinses dort ausmachen, wo Taleb beschreibt, ein Zustand von (Anti-)Fragilität ermögliche eine Aussage darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass etwas in Zukunft besteht; ähnlich ist es beim Zinssatz (beziehungsweise dem Risiko), denn auch die Höhe des Zinssatzes lässt eine Aussage darüber zu, wie wahrscheinlich es ist, dass es ein Unternehmen bei Kreditvertragsende noch immer gibt (und es somit auch den Kredit zurückzahlen kann).

Ich gehe davon aus, Taleb würde meiner Einschätzung des vorigen Gedankenexperiments zustimmen, das Ergebnis selbst aber als problematisch einordnen. Er würde ablehnen, dass Groß genauso risikobehaftet wie Klein oder gar wünschenswerter ist. Taleb behauptet, dass im Widerspruch zu allem, was in den Wirtschaftswissenschaften zum Thema »Ertragssteigerung bei Großunternehmen« gelehrt wird, Größe sich in Belastungssituationen schädlich auswirkt; es ist nicht gut, in schweren Zeiten groß zu sein. Dieser Punkt ist insoweit spannend, als dass er nun – angenommen Taleb hätte Recht – tiefgreifende Implikationen mit sich bringen würde (zuvor sei aber noch angemerkt, dass Talebs Argumentation für Belastungssituationen gilt, und zwar ausschließlich dafür). Wenn der Zinssatz für Fremdkapital in der Praxis also bezogen auf das zuvor aufgezeigte Beispiel beim kleineren Unternehmen höher oder gleich hoch ist, lässt sich daraus folgern, dass auch das Risiko (oder zumindest die Einschätzung des Risikos seitens der Gläubiger) dies ist. Stellen wir nun Talebs Perspektive diesem gegenüber, könnte das bedeuten der Zinssatz wäre dann kein aussagekräftiger Indikator für Risiko mehr – denn es könnte, eindimensional betrachtet, genau umgedreht sein: Das größere Unternehmen hätte ein höheres Risiko und müsste damit einen höheren Fremdkapitalkostensatz aufweisen. Die Konsequenzen wären kaum absehbar.

Angemerkt sei hier noch, dass es sich im Vorherigen um ein Gedankenexperiment handelte, das in der Realität so nicht auffind-, nachprüf-, aber nichtsdestotrotz vorstellbar ist. Es könnte also dementsprechend sehr wohl sein, dass zwei bis auf ihre Größe identische Unternehmen einen Kredit in relativer Höhe zu ihrer Größe beantragen. Ohne das nachprüfen zu können, vermute ich, dass das größere Unternehmen dann einen gleich hohen oder sogar niedrigeren Fremdkapitalkostensatz hätte. Allerdings sei ergänzt, dass die heutige Kreditvergabe im Zuge der Basel-Bestimmungen im Wesentlichen auf Ratingsystemen beruht, die eine Risiko-Kategorisierung ermöglichen – Größe per se ist diesbezüglich erst einmal irrelevant. Lediglich in einem kleinen Teil der Analyse, im Kontext der »soft factor«s, die auch in die Kategorisierung einfließen, könnte Größe eine Rolle spielen.

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