Fundamentale Fragestellungen. Ein Wunsch.

Beim Besuch der Internetseite von Martin Schulz fällt das Wenigsagende seiner Ziele auf. Als Präsident der EU-Kommission träte er für ein unter anderem Vielfalt respektierendes, wirtschaftlich dynamisches sowie ein Europa, das mehr Demokratie wagt, ein. Glückwunsch. Kein Zweifel, Schulz ist herausragender Politiker, großartig in Art und Ausdruck. Doch reicht das? Perspektivisch – und das versuchte ich bereits vielfach zu zeigen – vollziehen sich derzeit entscheidende Veränderungsprozesse. Um zukunftsfähig zu werden, und das ist der essentielle Aspekt einer Vision, bedarf es des Muts als auch der Kompetenz, sich den fundamentalen, zumeist nur selten infrage gestellten Themen zu widmen. Haben Sie Mut, ist mein Wunsch. Stellen Sie fundamentale Fragen!

Ein Ausflug: das verzinste Geldsystem

Ein nachhaltiges Gesamtsystem wird zunehmend als Ziel politischer Entscheidungsprozesse gesehen. Nachhaltig bedeutet zukunftsfähig, denn Zukunftsfähiges ist letztlich lediglich Nachhaltiges. Parallel zur Auseinandersetzung mit Möglichkeiten zu umfänglicher Nachhaltigkeit wird zügig klar, dass nicht das motorisierte Vehikel, nicht die seit Jahren gelebte Mülltrennung die entscheidenden Stellschrauben darstellen. Die Erkenntnis ist so plausibel, gravierend und verdunkelnd zugleich: Es sind die in unsere Gesellschaft eingewobenen, sich in der tieferen Struktur befindenden Prinzipien, denen es sich zu widmen gilt. Das Zinsprinzip ist eines von ihnen. Zukunftsfähigkeitsverhindernd? Vermutlich wohl:

Hartmut Rosa führt diesbezüglich aus, dass die Umstellung des Wirtschaftens auf die Kapitalverwertungslogik bzw. die Mehrwertproduktion … eine Dynamik in Gang gesetzt hat, welche alle Schranken einer bedarfsdeckenden Wirtschaftsform überwindet. Die Maximen kapitalistischen Handelns seien unter anderem (neben dem Erreichen von Zeitvorsprüngen sowie Arbeitszeit als wichtigstem Produktionsfaktor) durch das Zinsprinzip geprägt, welches auf einer beschleunigten Wiedergewinnung eingesetzten Kapitals beruhe. Die Kapitalverwertungslogik steht folglich in entscheidender Beziehung zum Zinssystem. Zum einen, weil aus eingesetzten Geldern zwingend mehr Geld werden muss und zum anderen das Prinzip je schneller, desto besser gilt, denn je zügiger man dem Kredit nachkommen kann, desto geringer die Kosten beziehungsweise geleisteten Zinsen für diesen. Daraus resultieren ein direkter sowie ein indirekter Zwang zum Wirschaftswachstum. Der direkte Wachstumszwang rührt von der Notwendigkeit einer Rückzahlung mitsamt Zinsen her, der indirekte, nicht unbedingt notwendige (aber die Kreditaufnahme erst sinnvoll werden lassende) Wachstumszwang von dem Ziel, nach dem Kreditgeschäft mehr zu haben als vorher.

Bereits Max Weber warf die Frage auf, warum die Unternehmer durchschnittlich dauernd hoffen dürfen … dass der Eintausch von gegenwärtigen 100 gegen künftige 100 + x rational ist. Der Austausch ist heute nur dann rational, wenn die Vertragspartner in Zukunft ausgehend des eingesetzten Kapitals ein Wachstum y (und damit ebenso eine Beschleunigung) erwarten können, das größer ist als x.

Es bleibt festzuhalten: Beschleunigung und Wirtschaftswachstum – sowie deren Folgen – sind derzeit unausweichliche Bestandteile unsere Gesellschaft. Sind sie nachhaltig?

Solche Fragen

Die aus unserem Wohlstand resultierende Verantwortung lässt uns keine Wahl: Den grundlegenden Fragestellungen muss Beachtung beigemessen werden. Doch wer beschäftigt sich beispielsweise mit den Folgen des verzinsten Geldsystems? Nahezu niemand. Doch es wird Zeit. Die Liste ist lang. Und dafür bedarf es fähiger Politiker wie Schulz, die den Mut aufbringen können, sich auch solchen Themen zu widmen. Es sind die Spannendsten. Ob sich damit eine Wahl gewinnen ließe?

Mit Sicherheit nicht.

ZUfo ’14

Vom 31. Mai bis zum 1. Juni findet an der Zeppelin Universität eine studentische Konferenz für interdisziplinäre Forschung – die ZUfo ’14 – statt. Auf interessierte Besucher warten Vorträge, Workshops und Rahmenprogramm zum Thema Speicher. Und auch ich werde mich an einem kleinen Beitrag zum Zinsprinzip – dessen Ursprung, Implikationen und Alternative – versuchen: Der Zins als Speicherprämie? Eine Analyse der Zukunftsfähigkeit unseres Geldsystems.

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