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Eine Farce? Zweifel an Lütges Buch.

Der TUM-Professor Christoph Lütge versucht in seinem Buch Ethik des Wettbewerbs das Konkurrenzprinzip zu würdigen und hält ein Plädoyer für eine vollumfängliche Implementierung des Wettbewerbs in allen gesellschaftlichen Bereichen. Lütge definiert Wettbewerb als den Zustand eines Konkurrenzstrebens mehrerer Akteure, [welcher] nicht naturwüchsig ist und sich nicht von selbst dauerhaft aufrechterhalten kann; darin sieht er auch die Differenz zum Kampf. Wettbewerb richte sich erst dann gefestigt ein, wenn es Regeln gebe. Für Lütge ist Wettbewerb keineswegs nur im Anwendungsbereich der Marktwirtschaft zu sehen, sondern könne völlig losgelöst davon betrachtet werden. Ähnlich verhalte es sich auch mit dem Verhältnis von Wettbewerb und Kapitalismus: Kapitalismuskritiker sind nicht notwendig auch Wettbewerbskritiker. Lütge ermöglicht eine interessante Lektüre, die jedoch einige erhebliche Fehler aufweist. Im weiteren Verlauf dieses Posts werde ich anhand eines Beispiels – Lütges Umgang mit Hartmut Rosa – solche aufzeigen.

Sein Ansatz

Laut Lütge komme unverfälschte, tatsächliche Konkurrenz deshalb ethischen Anforderungen nach, da in ihren systemischen Ergebnissen ein solcher Mehrwert liege. Wettbewerb verbinde Schwarmintelligenz mit der Leistung Einzelner. Es bedürfe heute, so Lütge, einer Ethik des Wettbewerbs – einer Ethik der Hypermoderne. Häufig werde vernachlässigt, dass die derzeitige Gesellschaft keine Nullsummengesellschaft mehr sei: Wenn der eine gewinne, müsse der andere nicht mehr unweigerlich verlieren. Erklären lasse sich die Auflösung der Nullsummengesellschaft durch ein kontinuierliches, wenn auch in Teilen geringes, Wirtschaftswachstum. Die jahrtausendelange Existenz der Nullsummengesellschaft gehe auf einen Mangel an Wettbewerb zurück.

Eine Ethik der Mäßigung – die in Nullsummengesellschaften entstanden sei – hält Lütge deshalb in einer globalisierten Welt für längst nicht mehr zielführend, sondern von Nachteil für die heutige Gesellschaft. Gerade in einer Welt der knappen Ressourcen bedürfe es des Fortschritts sowie des Unternehmertums und nicht der Bescheidenheit. Mit Suffizienz wäre niemandem gedient. Lütge fordert deshalb:

Wir brauchen eine Ethik für dynamische Gesellschaften, wir brauchen eine Ethik, die betont, dass Innovation, Unternehmergeist und Dynamik nicht nur ökonomisch, sondern auch in ethischer Hinsicht wertvoll sind.

Im Wesentlichen bedürfe es einer Ethik, die dafür Sorge trage, dass der moralisch Handelnde einen Vorteil durch solch ein Verhalten haben werde.

Sein Scheitern: argumentative und insbesondere handwerkliche Fehler

Lütge widmet sich in diesem Bezug auch einer Analyse Hartmut Rosas, indem er versucht, Rosas Argumentation aus Wettbewerb als Interaktionsmodus zu entkräften – und dabei scheitert. So kritisiert Lütge Rosas Behauptung, dass Wettbewerb die natürlichen oder sozialen Ungleichheiten in der Gesellschaft erhöhe. Lütge argumentiert, es sei korrekt, dass Wettbewerb nicht alle Menschen gleichmacht, dies aber wiederum nicht heißen würde, dass die weniger gut Gestellten durch Wettbewerb in erster Linie Nachteile erleiden. Was diese Argumentation mit Rosas Aussage zu tun hat, bleibt unterdessen fraglich; es besteht kein Zusammenhang. Sogar wenn Wettbewerb, wie Lütge anführt, eine Win-Win-Situation darstellen würde, könnte es noch immer sein, dass die Ungleichheit – wie von Piketty identifiziert – ansteigen würde. Die in der Realität innerhalb der Gesellschaft verankerten Prinzipien führen dazu, dass der Sieger aus einem vorherigen Wettbewerb bessere Ausgangssituationen hat als der Verlierer. Ein Beispiel dafür ist insbesondere das Zinsprinzip und die damit zusammenhängende Kapitalausstattung von beispielsweise Unternehmensgründern.

Lütge argumentiert zudem: Nur bei funktionierendem Wettbewerb können weniger Bemittelte tatsächlich in einer Gesellschaft aufsteigen und den bisher besser Gestellten die Position streitig machen. Dies würde aber auch Rosa keineswegs verneinen. Ebenso stellt die Behauptung, dass es von Vorteil sei, wenn sich Schwellen- und Entwicklungsländer dem Wettbewerb öffnen würden, keine Differenz zu Rosas Argumentation dar. Rosa geht gerade selbst eindeutig davon aus, dass Wettbewerb alternativlos die sinnvollste Möglichkeit für Wirtschaftswachstum und den Umgang mit ökonomischer Knappheit sei. Ihm geht es in seiner Analyse keineswegs darum, jeglichen Wettbewerb als nicht zielführend darzustellen; er möchte auch keine sozialistische Gesellschaft oder den traditionellen Ständestaat, wie Lütge ihm unterstellt, sondern lediglich dort Wettbewerbsbeschränkungen, wo Konkurrenz zum Selbstzweck geworden ist. Es scheint deshalb sogar augenscheinlich fraglich, ob Lütge Rosas Analyse tatsächlich bis ins Detail durchdrungen hat.

Unstimmigkeit wird auch dort deutlich, wo Lütge Rosa zitiert und schreibt, dass laut Rosa Wettbewerb eine gewisse »Stromlinienförmigkeit« (S. 100) durchsetze, die »kauzige Originalität« zum Verschwinden bringe. Rosa zitiert hier allerdings selbst jemand anderen, nämlich Simmel mit seinem Werk Philosophie des Geldes – was Lütge tragischerweise nicht zu bemerken scheint. Nichtsdestotrotz behält Rosa beziehungsweise Simmel sogar auch hier recht, denn durch Wettbewerb kann – aufgrund der Maxime je schneller, desto besserbeispielsweise Kreativität eingeschränkt werden (sie kann jedoch sehr wohl auch dadurch gefördert werden). Wer sich also zu viel Zeit für die Entwicklung nimmt, um beispielsweise ein besonders sicheres, innovatives Produkt zu schaffen, wird im Wettbewerb womöglich Einbußen zu ertragen haben, die nicht wieder einholbar sind. Sie können zudem insbesondere deshalb nicht aufgeholt werden, da, wie zuvor dargelegt, der Verlierer in Zukunft schlechtere Ausgangsbedingungen vorfindet.

Anschließend geht Lütge darauf ein, dass laut Rosa Wettbewerb zum Selbstzweck geworden sei. Lütge antwortet diesbezüglich: Wenn es wirklich so wäre, dass Wettbewerb grundsätzlich leerläuft und niemandem nützt, so hätte man ein echtes Problem erkannt. Auch hier fragt sich der Leser, was es mit dieser Aussage auf sich hat – steht sie doch in keinem Bezug zu Rosas Beobachtung und Definition eines Selbstzwecks. Ähnlich gestaltet es sich auch, wenn Lütge Rosas Behauptung der totalisierenden Konsequenzen von Wettbewerb auf das subjektive Wohlbefinden im Sinne einer vom Individuum selbstbestimmten Lebenskonzeption thematisiert. Diesem entgegnet Lütge bis auf Widerruf, es sei nicht vermeidlich, dass es Verlierer gebe und versucht daraufhin die positiven Effekte der Creative destruction  hervorzuheben.

Fazit

Was Lütge mit seinem Buch und der Analyse der Untersuchung Rosas vorlegt, so lässt sich als Zwischenstand resümieren, scheint bei genauerem Hinsehen aus derzeitiger Perspektive leider wenig mit Rosas Aufsatz zu tun zu haben. Lütge begeht erhebliche handwerkliche Fehler und argumentiert an den eigentlichen Punkten vorbei.