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Alle um alle? Wie viel Wettbewerb zukunftsfähig ist:

Die moderne Konkurrenz, die man als den Kampf aller gegen alle kennzeichnet, ist doch zugleich der Kampf aller um alle.
                                                                                                  aus Georg Simmel, Soziologie der Konkurrenz
 

Lasst uns Möglichkeiten zur Effizienz verschwenden und die für ein neues Zusammenleben nutzen! Für ein gesellschaftliches Miteinander des wechselseitiges Austauschs, der Berührung, des voneinander Lernens und gemeinsamen Erlebens.

Ähnlich wie das Zinsprinzip, existiert in den grundlegenden Strukturen unserer Gesellschaft ein weiterer Mechanismus: das Wettbewerbsprinzip. Auf der Suche nach Zukunftsfähigkeit kommen wir nicht umhin, uns diesem zu widmen.

Wettbewerb mag sehr wohl das effizienteste Mittel zur Bekämpfung ökonomischer Knappheit sein, wie im vorherigen Beitrag dargelegt. Aber auch wenn Wettbewerb ökonomisch sinnvoll ist, kann es zu Konflikten mit in dem in einer Gesellschaft womöglich vorhandenen Wertekanon kommen. Eine Gesellschaft könnte sich zum Beispiel etwa anstelle des Wettbewerbsprinzips für einen kooperativen Prozess zur Schaffung eines Gutes entscheiden, weil sie eine andere Form des Miteinanders oder der Begegnung präferiert. Die Folge dessen wäre nicht mehr das effizienteste Gut, sondern eines, das seine Legitimität durch einen abweichenden Prozess erführe.

Für eine zukunftsfähige Gesellschaft müssen wir grundsätzliche Fragen nach dem gesellschaftlichen Miteinander, nach sozialer, ökonomischer und ökologischer Zukunftsfähigkeit stellen und dürfen vor der Antwort nicht zurückschrecken, dass – auch wenn unsere Identität wohl maßgeblich auf dem Wettbewerbsprinzip als Selbstzweck beruht – eine Abkehr von diesem möglich, wenn nicht gar unumgänglich ist.

Zukunftsfähige Gesellschaftsentwürfe könnten natürlich beinhalten, dass Wettbewerb in einem begrenzten Maße, als Mittel zum Zweck, sinnvoll ist. Grundsätzlich nämlich, auch historisch betrachtet, gilt es Wettbewerb insoweit zu würdigen, als dass er einerseits Zusammenleben durch Disziplinierung und Gruppenkohäsion teilweise erst ermöglicht hat und andererseits unser heutiger ökonomischer Wohlstand eindeutig auch auf ihn zurückzuführen ist.

Doch sollte der Gegebenheit Beachtung beigemessen werden, dass Wettbewerb um des Wettbewerbs Willen nicht zukunftsfähig ist. Es bedarf einer sekundär wettbewerbsförmigen Organisation, wie im letzten Beitrag vorgestellt. Und letztlich ermöglicht die Frage nach der Rolle von Konkurrenz in einer Gesellschaft eine Einschätzung über den Reifezustand dieser. Spricht der Mangel an normativen Zielvorgaben für sich?

Kooperation und Gemeinschaft

Es gilt zudem, den Fragen nach den anthropologischen Prägungen des Menschen Raum zu geben und ausgehend dessen Erkenntnisse für ein nachhaltiges Zusammenleben zu generieren. Wer Wettbewerb in allen Lebensbereichen fordert, könnte sich beispielsweise Joachim Bauer zur Hand nehmen, der mehrfach in Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren erläutert, wie sehr entscheidend wir anthropologisch auf Kooperation und Resonanzerfahrungen eingestellt seien.

In diesem Kontext ist es sinnvoll auch Folgendem nachzugehen: Was macht das Wettbewerbsprinzip mit uns, wie beeinflusst es unser intimstes Zusammenleben, unser Glücksempfinden, unser Gefühl, mit der Welt in Beziehung zu treten? So behauptet, exemplarisch genannt Johannes Berger, dass Wettbewerb das erhebliche Problem eines umfänglichen Gemeinschaftsverlusts mit sich bringe. Es lässt sich vermuten, dass es jedoch für Problematiken wie beispielsweise den Klimaschutz solcher Gruppengefühle bedarf.

Knappheit am guten Leben

Darüber hinaus könnten wir uns – statt Energie in die womöglich in unseren Breitengraden überflüssige Bekämpfung von ökonomischer Knappheit zu investieren – der Knappheit am  guten Leben, an gesellschaftlichem Miteinander und wechselseitigem Austausch, an Berührung, voneinander Lernen und gemeinsamem Erleben widmen. In erster Linie würden wir dann nicht die Möglichkeiten zur Effizienz verschwenden, sondern die Möglichkeiten für ein neues Zusammenleben nutzen. Heute allerdings verschwenden wir im Speziellen diese noch. Lassen wir sie uns nicht aus den Händen gleiten.

Dass dies möglich ist, zeigen über vierzig frankophone Autoren durch ihr Konvivalistisches Manifest, in welchem sie eine neue Kunst des Zusammenlebens fordern.

Warum aber findet keine umfassende, fundamentale Debatte über die Rolle von Wettbewerb in heutigen Gesellschaften statt? Weshalb wird das Konkurrenzprinzip grundsätzlich tendenziell als gegeben aufgefasst wird? Eine Antwort darauf lässt sich durch Seduktion erklären – so, wie Byung-Chul Han sich den heutigen Sieg des Kapitalismus erklärt. Ursprüngliche Aggression gegen das System resultiert derzeit in Selbstaggression: Wer im System nicht funktioniert, sucht den Fehler nicht dort, sondern an sich.

Es geht nicht per se darum, Wettbewerb abzuschaffen, sondern vielmehr ihn erst einmal infrage zu stellen.

Aber vergessen wir nicht: Wandel muss kein Zufall sein.