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Gaucks Plädoyer für Wettbewerb. Eine Einschätzung.

Dafür, dass die Debatte um die gesellschaftliche Rolle von Wettbewerb auch heute relevant zu sein scheint, steht beispielhaft die Rede Joachim Gaucks anlässlich des 60. Jubiläums des Walter Eucken Instituts. Ähnlich wie Simmel bereits 1903, sieht Gauck wesentliche Vorteile von Konkurrenz. Je nach Ausgestaltung, könne Wettbewerb laut ihm gerecht und positiv umformend sein.

Gerecht, da Ungerechtigkeit gerade durch Minderung von Konkurrenz – beispielsweise durch staatlich umgesetzte Rücksicht auf Partikularinteressen – entstehe. Umformend, da Wettbewerb althergebrachte Privilegien und zementierte Machtstrukturen aufspränge und dadurch Raum für mehr Teilhabe, mehr Mitwirkung schaffe. Sodass dies möglich werde, bedürfe es allerdings eines durch den Staat gesetzten juristischen Rahmens. Darüber hinaus komme es darauf an, mit welcher Ausstattung man das Spielfeld betritt. Deshalb müsse der Staat, um Chancengerechtigkeit zu generieren, für Vorbedingungen sorgen, welche die Konkurrenz selbst zu errichten nicht in der Lage sei. Für eine freiheitliche Gesellschaft sei Wettbewerb ein maßgeblicher Bestandteil.

Gauck vernachlässigt in seiner Rede, anders als Simmel vor über 100 Jahren, nahezu völlig die zerstörerische, vernichtende Seite der Konkurrenz. Er übersieht auch zu fragen, ob Wettbewerb in einer Überflussgesellschaft – im Kontext des in den Industrienationen im 21. Jahrhunderts angehäuften Wohlstands – tatsächlich wünschenswert und unter  beispielsweise ressourcenbezogenen Gesichtspunkten zukunftsfähig ist. Gauck vergisst überdies nach den gesellschaftlichen Implikationen von Wettbewerb, unter anderem auf unser Zusammenleben, zu fragen. Er versäumt zudem den womöglich zu Nachhaltigkeit im Widerspruch stehenden Logiken, die das Konkurrenzprinzip mit sich bringt, Beachtung zu schenken.

Immerhin greift er jedoch indirekt die dem Konkurrenzprinzip zugrunde liegende Steigerungslogik auf. Gauck beschreibt den ständigen Zwang, die erreichte Position gegenüber anderen zu behaupten. Er benennt somit den Druck, sich in keinem Bereich des Lebens mehr ausruhen zu können – da man sonst Einbußen zu tragen habe, die man nicht mehr aufholen könne. Es existiere eine Furcht vor Konkurrenz, denn dieser Wettbewerb, der unser Dasein bestimmt, sei mühsam. Kontinuierlich befinde man sich im Vergleich mit den Übrigen und müsse Acht geben, nicht überholt zu werden. Solche Beobachtungen macht auch Hartmut Rosa.

Sekundär wettbewerbsförmig

Rosa sieht sehr wohl die von der wettbewerblichen Effizienzsteigerung ausgelösten erheblichen Auswirkungen wie den technischen Fortschritt. Aber er bemerkt ebenso wie Gauck, dass sich eine steigende Zahl von Personen zunehmend in einem für die Betroffenen Unruhe erzeugenden Kampf um die eigene Werterhaltung befänden. Laut Rosa sei das Resultat dessen ein Konkurrenzkampf wie ein Nullsummenspiel unter steigendem Einsatz, denn unter Einbezug immer größerer Anstrengungen würden auch die Konkurrenten versuchen, nicht abgehängt zu werden.

Wir befänden uns in einer Wettbewerbsgesellschaft, die primär durch das Bestreben nach Instandhaltung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit als Maxime gekennzeichnet sei. In solch einer Wettbewerbsgesellschaft gehe es nicht mehr darum, etwas zum Beispiel möglichst positiv oder schnell zu tun, sondern positiver oder schneller als die Übrigen. Das Maßgebliche in ihr jedoch sei der Umstand, dass die Setzung materialer Handlungsziele selbst zu einem entscheidenden Wettbewerbsmoment werde.

Daraus ergäben sich drei wesentliche Implikationen: Zum einen Verschwendung, insbesondere hervorgerufen durch eine nicht sinnvolle Überschussproduktion an sozialen Energien und kreativen Ideen. Zum anderen die Dynamisierung der Sozialordnung, eine Steigerungslogik, die sich in allen sozialen Bereichen feststellen lasse  denn das Ausruhen auf dem Bisherigen werde durch kontinuierlich neue Antriebszwänge verhindert. Als dritte Folge identifiziert Rosa, dass Wettbewerb beispielsweise die Ethik in durch Wettbewerb geprägten gesellschaftlichen Bereichen unbestimmt werden lassen könne. Die gesellschaftlichen sowie die ethischen Implikationen des Wettbewerbsprinzips seien enorm und würden letztlich die sozialen Interaktionen, das subjektive Wohlbefinden im Kontext freier Lebensgestaltung sowie die gesellschaftlichen Normen negativ beeinflussen.

Rosa schlägt vor, den Wettbewerb nicht abzuschaffen, sondern die gesellschaftlichen Bereiche wieder sekundär wettbewerbsförmig zu organisieren. Er fordert somit eine Rückkehr zu normativen, im demokratischen Prozess entstandenen Ergebniserwartungen. Zur Zielerreichung an sich, so hält Rosa fest, gäbe es jedoch – insbesondere in einer Welt der ökonomischen Knappheit – für Wettbewerb keine Alternative.

Das Ziel selbst darf also nicht Teil des Wettbewerbs sein! Wie es scheint, gerät dies gerade im europäischen Kontext immer mehr in Vergessenheit. Und womöglich bemerkt Gauck diesen Umstand auch eines Tages. Wie so oft ist Gauck bisher eindimensional.