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Send them back! – Sure?

As I look ahead, I am filled with foreboding. Like the Roman, I seem to see the River Tiber foaming with much blood … Only resolute and urgent action will avert it even now. 
                                                                                                aus Enoch Powell, Rivers of Blood Speech
 
 
Von einem Tabu

Enoch Powells Rede stammt aus dem Jahre 1968. Obwohl Powells fremdenfeindliche Äußerungen damals kontrovers diskutiert wurden, stimmten nahezu drei Viertel der britischen Bevölkerung den erschreckenden Aussagen des ursprünglich der Conservative Party angehörigen Politikers zu. Seit dieser Rede habe es keine grundlegende Debatte mehr über Immigration gegeben, behauptet Paul Collier heute. Es existiere ein Tabu. Weshalb? Da beispielsweise unter liberalen Intellektuellen distaste and disdain for opponents of immigration … differentiating tests of identity geworden seien. Und er bemerkt: Policy has been fought over using competing values rather than competing evidence.

Collier, pragmatischer Realist und selbst Nachfahre deutscher Immigranten, möchte Migration nicht ausgehend moralischer, sondern viel mehr ökonomischer sowie sozialer Argumentation analysieren. Sein Ziel ist es einen Diskurs in Gang zu bringen, indem er den Fokus auf Kulturen und deren Diversität als anstelle auf races legt. In seinem Buch Exodus versucht er deshalb einen neuen Rahmen zu schaffen, wie sich über Migration denken lässt. Die Frage Is migration good or bad? sei irrelevant, so der unter anderem in Harvard forschende und lehrende Professor; es gehe um die Frage How much migration is best?

Drei Perspektiven

Um sich dieser Frage zu widmen trifft Collier entscheidende Grundannahmen. Er geht davon aus, dass 40 Prozent der Bevölkerung ärmerer Nationen in die reicheren Länder immigrieren würden – wären sie dazu in der Lage. Für Collier liegt Migration überdies ein sich selbst beschleunigender Mechanismus zugrunde, der auf der Existenz von Diaspora-Zuständen beruhe. Der Professor schlägt nun vor, drei Perspektiven für die Beantwortung der Frage How much migration is best? einzunehmen: die der individuellen Immigranten, die des Heimatlands und die des Immigrationslands.

Welche Implikationen liegen nun laut ihm auf Seiten der Immigrationsländer? Zum einen sinke das wechselseitige Vertrauen in den betroffenen Ländern und zum anderen komme der Wohlfahrtsstaat in Schwierigkeiten. Auslösend hierfür sei ein zu hoher Grad an kultureller Diversität, welcher insbesondere Kooperation und somit folglich die Bereitstellung öffentlicher Leistungen sowie soziale Konventionen einschrenke. Laut Collier beruhe gesellschaftliche Kooperation nämlich unter anderem auf dem Nationalbewusstsein: Nations are important and legitimate moral units; indeed the fruits of successful nationhood are what attract immigrants.

Der unbewaffnete Policeman

Collier illustriert seine Überlegungen am Beispiel der britischen Polizei. Diese komme in Teilen grundsätzlich unbewaffnet aus, was dazu führe, dass eine soziale Konvention unter Kriminellen entstanden sei: Stehen diese der Polizei gegenüber, sollten sie ebenso keine Waffen bei sich tragen. Es lässt sich folglich ein kollektives Verhalten unter Kriminellen ausmachen, obwohl das Tragen einer Waffe für den Einzelnen von Vorteil wäre.

Jedoch sei der unbewaffnete Policeman in Gefahr! Denn obwohl nun beispielsweise Jamaikaner nicht aufgrund Ihrer Gene zu Gewalt neigen würden, täten Sie das womöglich jedoch kulturell. Indem nun eine ausreichend große Anzahl an Jamaikanern in Großbritannien lebe (eine Diaspora, the accumulated stock of unabsorbed migrants), führe dies dazu, dass keine kulturelle Absorbierung mehr stattfinde. Das entstandene eigene kulturelle Netzwerk verhindere eine solche, deren Ausbleiben nun für die britische Polizei tiefgreifende Folgen habe.

Colliers Empfehlungen

Ausgehend seiner Betrachtungen leitet Collier Handlungsanweisungen ab. Als Hauptaufgabe der Politik sieht er die Identifikation einer optimalen Immigrationsrate an. Hilfreich sei diesbezüglich, insbesondere die kulturelle Absorptionsrate zu bestimmen sowie unter anderem die Effekte auf das Heimatland der Immigranten zu beachten. Migration müsse gerechter gestaltet werden! Beispielsweise sei es nicht verantwortbar, dass lediglich die im Heimatland Reichen nach Europa kämen sowie unsere Immigrationspolitik beispielsweise dazu führe, dass es mehr sudanesische Ärzte in London als im Sudan gebe.

Ein konkreter Ratschlag lautet darüber hinaus, illegal Einwandernde sofort zurückzuschicken – Send them back! Die betroffenen Länder hätten ein Recht darauf. Gleichzeitig verhindere diese Taktik laut Collier die Fortsetzung des Desasters im Mittelmeer, in welchem mittlerweile bereits über 17.000 Menschen auf der Flucht ertrunken sind.

Wait a second, sure?

Colliers Herangehensweise wirkt auf den ersten Blick hilfreich; allerdings vernachlässigt er wesentliche Punkte. Angenommen, Diaspora-Zustände würden tatsächlich Gesellschaften auseinanderreißen, lässt sich ganz unabhängig ob dies zutrifft oder nicht entgegnen, dass  eben solche Zustände die partnerschaftlichen Bindungen zwischen unterschiedlichen (!) Gesellschaften stärken können. Gerade in Anbetracht der Herausforderungen des 21. Jahrhundert würde somit ein wichtiger Beitrag geleistet, wie Paul Crider unter Bezug auf Robert Guest analysiert. Ergänzend beschreibt Crider die incentives to fit in with the host society als extremely powerful.

Darüber hinaus schenkt Collier der Bedeutung von gesellschaftlichen Klassen zu wenig Beachtung und vermischt bei seinen Anführungen von Studien solche zu genetischen Auswirkungen mit seinen Schlussfolgerungen über kulturelle Differenzen. Ebenso lassen sich seine Bedenken gegenüber zukünftigen Entwicklungen nicht historisch fundiert belegen, insbesondere wenn die Erfolgsgeschichten der USA oder Städten wie London herangezogen werden.

Das gravierendste Problem stellt jedoch sein Bestreben dar, Immigrationsraten senken zu wollen. Michael Clemens nimmt Colliers Argumentation in seiner Rezension auseinander, indem er beispielsweise belegt, dass opening up labor markets … the lives of natives as well as those of immigrants verbessert sowie in Anbetracht sozialer Konsequenzen erklärt, dass crime significantly lower in neighborhoods in the UK with the largest immigrant inflows ist. Bereits in einem seiner Paper konnte Clemens das ökonomische Potential von free migration eindeutig zeigen: Das globale BIP würde sich verdoppeln.

No!

Es wird klar, dass Colliers Aufforderung Send them back! nicht gefolgt werden sollte. Im Speziellen dann nicht, wenn wir die aus unserem Selbstverständnis resultierende moralische Argumentation hinzunehmen.

Collier schreibt selbst: Economics [and economists] should not be a very important criterion for determining immigration policy.

Insbesondere nicht Collier! Damit immerhin liegt er richtig.