Archive for Oktober, 2014

Vom Antonym für Fragilität

Die Welt, wie wir sie kennen, kennen wir nicht – präziser: nicht mehr. Gewiss ist bloß, dass nichts sicher ist. Gerade dies zeichnet unsere hyperkomplexen Sphären aus. Die Welt ist nicht mehr umfänglich einschätzbar, greifbar – Risiko nicht bestimmbar. Mit diesen Phänomenen beschäftigt sich Nassim Nicholas Taleb. Der Autor des Schwarzen Schwans, in welchem Taleb den ungeheuren Einfluss von Unvorhergesehenem auf unsere Welt und wie wir diesen konsequent unterschätzen zu veranschaulichen versucht, liefert nun eine herausragend spannende Analyse unserer Zivilisation.

Taleb bemerkt, bisher gebe es noch kein Antonym zum Begriff Fragilität. Fragil sei etwas dann, wenn es unter Turbulenzen leide. Als Gegenteil zu fragil könne robust – woran möglicherweise zuerst gedacht würde – deshalb nicht dienen, da es neutral auf Turbulenzen reagiere, also durch diese nicht beeinflusst werde. Es müsse also ein Wort geben, welches veranschauliche, dass etwas von Ungewissheit, Abenteuer und ungeahntem Wandel profitiere: Antifragilität. Das Antifragile steht Zufälligkeit und Ungewissheit positiv gegenüber, und das beinhaltet auch – was entscheidend ist – die Vorliebe für eine bestimmte Art von Irrtümern. Dieses Konzept stellt den Grundstein seiner Überlegungen dar.

Handhabung komplexer Systeme

Als Tragödie der Moderne macht Taleb das wohlgemeinte Streben aus, Stressoren reduzieren zu wollen. Ein solches Vorgehen sei jedoch für komplexe Systeme dramatisch, denn gerade durch die Reduktion von Stressoren sinke die Antifragilität der Systeme. Ähnlich wie neurotisch überfürsorgliche Eltern schaden uns häufig die Personen am meisten, die uns beschützen wollen.

Die Unmöglichkeit Risiken zu kalkulieren beziehungsweise das Eintreten dieser vorherzusagen sei noch nicht im Denken angekommen; daher rühre das Bedürfnis, Ungewissheit entgegenwirken zu wollen. Dass es besonders verhängnisvoll sein kann, zu glauben, Risiken seien einschätzbar, machte Taleb bereits in seinem zuvor erschienenen Buch am Beispiel der Schwäne (angelehnt an Popper) deutlich: Niemand in Europa hätte je in Erwägung gezogen, es könnte Schwäne geben, die nicht weiß sind – die Entdeckung Australiens hingegen zeigte das Gegenteil. Schwarze Schwäne.

Das Antifragile hingegen mache sich Vorhersagefehler zu Nutze; anstatt Fehler zu hassen schätze es sie. Unsere Zivilisation allerdings werde zunehmend blinder für das Geheimnisvolle, das Undurchdringliche und somit insbesondere blinder für das Antifragile. Wollen wir Zukunftsfähigkeit generieren, wird es unausweichlich, das, was unfähig ist Unbeständigkeit zu vertragen, nicht als gegeben hinzunehmen und sich dem Antifragilen zuzuwenden. Zwei Beispiele:

1. Denkstrukturen

fragil: neuzeitlich ___ robust: europäisch-mittelalterlich ___ antifragil: altertümlich-mediterran

2. Zwischenmenschliche Beziehungen

fragil: Freundschaft ___ robust: Verwandtschaft ___ antifragil: Hingezogensein

Klein und groß in schweren Zeiten

Taleb thematisiert in seiner Analyse unserer Welt vielfach das Verhältnis zwischen Größe und Antifragilität. Für ihn beruhe Fragilität  insbesondere auch die eines politischen Systems  auf Nichtlinearität.  Im Widerspruch zu allem, was … gelehrt wird, wirkt Größe sich in Belastungssituationen schädlich aus; es ist nicht gut, in schweren Zeiten groß zu sein. Dem Großen würden Schocks, wenn deren Intensität steige, exponentiell höheren Schaden zufügen als dies bei Kleinem der Fall sei. Talebs Beweis dafür ist mathematischer Natur, welchen er  auf seine Art anschaulich  auch anders ausdrückt: Wenn man eine Katze aus der Höhe eines Mehrfachen ihrer Körpergröße fallen lasse, überlebe sie vermutlich. Bei einem Elefanten hingegen sehe es anders aus.

Interessant wird es im Speziellen bei der Anwendung seiner Erkenntnisse auf sowohl Nationalstaaten als auch die Europäische Union. Auf Facebook schreibt Taleb: Just look around: Singapore, Denmark, Norway, Switzerland, Dubai, compared to their neighbors. Focus on otherwise same ethnicity (Cyprus vs Greece, Lebanon vs Syria). Things are a bit more complex: it is the decision-making unit which would put federations like Germany and the US in the same group). Note that for small state to do well, all we need is a „pax“ of an Empire, „pax Romana“, „pax Ottomana“, etc. Which we have with EU, US, Nato, etc.

Liegt er tatsächlich richtig? Auf eben diese Spurensuche werde ich mich begeben.

Handeln und Denken

Bereits zu Beginn der Rezeption von Talebs Werken, an dem ich derzeit stehe, wird bewusst, welch großartiger Denker am Werk ist. Apropos Denken, womöglich sollten wir unter anderem auch folgender Erkenntnis Talebs Beachtung schenken: Wir sind im Großen und Ganzen besser, wenn wir handeln, als wenn wir denken, und das verdanken wir der Antifragilität.

Taleb begeistert, entgegen erheblicher Kritik. Und beim Lesen entsteht das Gefühl, dass er der doxastischen Verpflichtung, von welcher er schreibt – also der Bereitschaft, für Überzeugungen auch persönliche Risiken einzugehen – ebenso selbst nachkommt. Kompromisse, so Taleb, seien gleichbedeutend mit Billigung.