Archive for Juni, 2014

Stehen für alles. Fallen für nichts.

Andere wieder lassen sich paradoxerweise für die Ideen oder Illusionen umbringen, die ihnen einen Grund zum Leben bedeuten (was man einen Grund zum Leben nennt, ist gleichzeitig ein ausgezeichneter Grund zum Sterben).                                                                                                                                                                                                                    aus Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos
 
 
Verflüssigung

Wir würden zu Spielern und Driftern, deren Ziel es sei, möglichst viele Optionen offen zu halten. Nicht festlegen. Keine Dauer. Keine Bindung. Kontextübergreifende, langfristige Lebensziele gebe es nur noch selten, analysiert Hartmut Rosa. Somit verliere die Biographie ihre Richtung und das Individuum jegliche tatsächliche Entwicklungsperspektive. Darüber hinaus sei es nicht verwunderlich, dass gegenüber Zielen auf längere Zeit beispielsweise heutige Bedürfnisbefriedigung bevorzugt werde – die Zukunft ist ungewisser denn je.

Um den Flexibilitäts- und Beschleunigungserfordernissen der hypermodernen Welt gerecht zu werden, könnten wir nicht um eine ausgeprägte Gleichgültigkeit gegenüber Inhalten umhin. Stabilität wurzelt nicht mehr auf substantieller Identifikation. Sie entspringt nicht mehr dem Fraglichwerden, sondern wird selbst fraglich. Wer Du bist ist abhängig davon, wo Du bist.

Bisherige Identitätsmuster werden durch soziale Beschleunigungsprozesse untergraben. So sieht sich die eine nicht als Studentin, sondern studiert gerade. Ein weiterer ist nicht Investmentbanker, sondern momentan im Investmentbanking tätig. Man ist nicht liberal, sondern wählt derzeit die FDP. Das macht es einfach. Und sinnlos zugleich. Spannend wird es dann, wenn das Subjekt gezwungen ist, Relevanzen und Prioritäten zu bestimmen, und wo sich aus solcher Pluralität konfligierende Handlungsanforderungen ergeben – durch heutige Identitäten kaum möglich. Daher werden Passivität und situative Entscheidungsfindung zu den bestimmenden Parametern unserer Charakter.

Sein wollen

Wie wollen wir leben? Wer wollen wir sein? Das wissen wir oft selbst nicht. Die Auslöschung alternativer Möglichkeiten täte zu weh. Das ist besonders gut erkennbar bei der Berufswahl, aber auch in Anbetracht von Partnerschaften.

Und in der Politik. Doch bezüglich einer – auch von mir gepriesenen – Argumentation ermöglichen die soeben beschriebenen Veränderungsprozesse Entwarnung: Krieg. Nicht einmal dazu sind wir noch zu gebrauchen. Die EU ist heute nicht mehr deshalb besonders schützenswert, weil sie den Frieden in Europa garantiert. Solch eine Gefahr besteht schlicht nur noch sehr begrenzt. Sie ist grundsätzlich deshalb hinfällig, da niemand seine Komfortzone verlassen würde.

Was ich mir wünsche? Sich-Festlegende, Den-Mut-Nie-Verlierende. Ich wünsche mir Menschen, die sang- und klanglos scheitern, dann aufstehen und wiederholt sang- und klanglos scheitern. Individuen, die der Konformität Grenzen setzen, wütend toben und ausrasten, unfreundlich sind – und kompromisslos. Die für ihre Überzeugungen mehr als alles geben, dafür Verachtung erfahren, trotzdem weiter machen und bereit sind, für sie zu fallen. Ich wünsche mir Menschen, die einen Grund zum Leben finden – und zum Sterben. Hingabe.

Wir bedürfen dieser Gründe. Sie gibt es allemal. Bloß zulassen müssen wir sie.