Archive for Februar, 2014

Plädoyer für südeuropäische Arbeitsmoral. Ein Anstoß.

Ihr alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, – ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiß ist Flucht und Wille, sich selber zu vergessen.
Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in euch – und selbst zur Faulheit nicht!
                                                                                                aus Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra
 
Keynes Prognose

John Maynard Keynes verkündete vor über 80 Jahren in seinem knappen Werk Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder, dass um das Jahr 2030 die durchschnittliche, tägliche Arbeitszeit der modernsten Länder drei Stunden nicht überschreiben werde. Weiter notierte er:

Wir werden die Zwecke wieder höher werten als die Mittel und werden das Gute dem Nützlichen vorziehen. Wir werden wieder diejenigen ehren, die uns lehren wie wir die Stunde und den Tag tugendhaft und gut vorbeiziehen lassen können, jene herrlichen Menschen, die fähig sind, sich unmittelbar an den Dingen zu erfreuen.

Betrachten wir heute was Keynes für die sich zum Überfluss hin entwickelnden Gesellschaften prognostizierte, müssen wir feststellen: Von Keynes Prognose ist nicht viel geblieben – besonders die deutsche Arbeitsmoral ist heute wie damals ungebremst.

Das gute Leben und die Barbarei

Die Frage nach dem guten Leben hängt eng damit zusammen, wie die Menschen mit der ihr zu Verfügung stehenden Zeit umgehen und umgehen wollen. Gerade die Deutschen lassen diesbezüglich keinen Zweifel aufkommen. Das Primat der Arbeit sowie der Tätigkeit ist überaus verbreitet. Steht nun ein solches zum zufriedenheitsstiftenden, guten Leben im Widerspruch? Sehr wohl, denn ohne Muße gelangt Erfüllung in weite Ferne. Dieser Meinung ist auch Byung-Chul Han, der behauptet, dass es sogar um mehr gehe, nämlich den Fortbestand unserer Gesellschaft. Auf die Demokratisierung der Arbeit müsse eine Demokratisierung der Beschaulichkeit folgen. Die vita activa sei nicht mehr zukunftsfähig. Und da stimmt er durch seine Analyse sogar mit Nietzsche überein, der schon damals erkannte, dass unsere Zivilisation in eine neue Barbarei ausläuft. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten.

Halt durch Arbeit

Die Gründe für die deutsche Arbeitsmoral sind vielfältig. Einerseits ergibt sich ein ausgeprägter Zwang zum Arbeiten bereits schlichtweg aus dem Prinzip der Marktwirtschaft. Denn wer sich auf den Lorbeeren seines Erfolgs ausruht und nicht kreativ, innovativ und führend bleibt, wird schnell kaum wieder aufholbare Einbußen zu ertragen haben. Zeitvorsprünge würden zu Gewinn, Zeit zu einer monetären Größe und Prozessbeschleunigung zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil, bemerkt Hartmut Rosa.

Max Weber sieht im Zusammenspiel zwischen Protestantismus und Kapitalismus die Ursache für die hohe Arbeitsmoral begründet. Kapitalismus ist für ihn geleitet durch den Wandel von Erwerben als Mittel zum Zweck der Befriedigung der materiellen Lebensbedürfnisse hin zum Erweben als Zweck des Lebens selbst. Darüber hinaus sieht Weber einen weiteren Grund: Geldverdienen als Spiel. Er habe das Gefühl, dass sich Erwerbsstreben geradezu den Charakter des Sports aufpräge.

Ergänzend dazu spielen wohl weitere Faktoren eine entscheidende Rolle. So ist das Opportunitätskostenkonzept zu nennen, die inhärente Knappheit bestimmer Güter und, dass sich eine zunehmend wachsende Gruppe eine Reduktion Ihrer Arbeitszeit beziehungsweise eine Reduktion ihrer Arbeitsmoral einfach nicht mehr leisten kann. Auch Erfüllung durch Arbeit im Sinne John Kenneth Galbraiths New Class ist nicht zu vernachlässigen.

In Deutschland kommt wohl alles zusammen. Konstitution und Definition erfolgt durch Arbeit, nicht durch ein gutes Leben. Und Nietzsche hat Recht, mehr Inhalt als zur Arbeit findet man kaum.

Die Erkenntnis

Wir lernen, es wäre unsinnig, von anderen Nationen eine vergleichbare Arbeitsmoral zu fordern. Das deutsche Tun ist nicht sonderlich respektabel. Nun lässt sich der Spieß aber auch umdrehen. Der gleiche materielle Wohlstand kann ebensowenig auf anderer Seite erwartet werden. Aber das sollte kein Problem darstellen, denn großartige Konzepte diesbezüglich gibt es ausreichend. Zufriedenheitsstiftend ist nämlich gerade die Befreiung von dem durch ungeheuren materiellen Wohlstand hervorgerufenen Überfluss, wie Niko Paech vorschlägt. Eine Reduktion ist für Paech kein Verzicht, sondern Gewinn.

Weniger Erwerbsarbeit = geringerer materieller Wohlstand = mehr Zeit für die entscheidenden Dinge im Leben (nebenbei auch, um Konsum endlich einmal zu nutzen) = nachhaltig und zukunftsfähig = höheres Wohlbefinden = «Glück».