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Ein Gedankenexperiment. Zinssatz, Organisationsgröße und Fragilität.

Nehmen wir einmal an, der Zins sei tatsächlich ein Risikomaß oder besser gesagt: Die Höhe des Zinssatzes ermögliche eine Aussage darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Kredit mitsamt Zinsen (nicht) zurück gezahlt werden wird. Betrachten wir nun zwei Unternehmen im Finanzierungskontext. Im theoretischen Modell müssten beide Unternehmen – angenommen beide wären bis auf ihre Größe identisch (gleiches Geschäftsmodell, Kapitalstruktur etc.) – ganz unabhängig von Ihrer Größe den gleichen Fremdkapitakostensatz haben, sprich zum Beispiel den gleichen Zinssatz auf einen Kredit zahlen. Transferieren wir dieses Beispiel nun in die Praxis und stellen uns ebenso hier zwei außer ihrer Größe identische Unternehmen vor, dann fragt sich, was wir feststellen würden. Ich vermute, wir würden identische Fremdkapitalkostensätze womöglich auch dort vorfinden oder aber bemerken können, dass das größere Unternehmen einen geringeren Fremdkapitalkostensatz als das kleinere Unternehmen aufweist.

Als einer von vielen, aber wesentlicher Grund für letzteres, also einen höheren Fremdkapitalkostensatz, könnte es dann sein, dass seitens der Gläubiger – zum Beispiel einer Bank – das Risiko eines Ausfalls bei einem kleineren (bis auf die Größe identischem) Unternehmen höher eingeschätzt wird. Sollte dies zutreffen, würde es implizieren, Größe per se führe in der Praxis (zumindest in der Einschätzung seitens der Gläubiger) zu geringerem Risiko. Beispielsweise würde das heißen, dass eine Bank annimmt, ein größeres Unternehmen könnte beispielsweise eine Krise besser abfedern als ein kleineres. Sollte das Risiko bei beiden Unternehmen gleich sein, also ersteres zutreffen, wäre das insoweit interessant, als dass die theoretischen Hintergründe bestätigt wären. Tendenziell würde dann folglich dem ganzen Kontext zugrunde liegen, dass Groß genauso risikobehaftet ist wie Klein – oder gar wünschenswerter ist. Was wäre aber nun, wenn das Risiko von Klein geringer ist als das von Groß? Nun, dann würde die Bank womöglich einen gewaltigen Fehler begehen.

Es ist nun gewagt, das gerade Beschriebene mit Nassim Nicholas Talebs Betrachtungen in Verbindung zu setzen – insbesondere deshalb, da er postuliert, Risiko sei grundsätzlich nicht bestimmbar. Ich möchte aber nun dazu anregen, sich darauf einzulassen, zumindest temporär eine enge Verbindung zwischen Risiko allgemein und Talebs Ansatz der (Anti-)Fragilität zu sehen. Dieser Zusammenhang lässt sich wohl im Kontext des Zinses dort ausmachen, wo Taleb beschreibt, ein Zustand von (Anti-)Fragilität ermögliche eine Aussage darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass etwas in Zukunft besteht; ähnlich ist es beim Zinssatz (beziehungsweise dem Risiko), denn auch die Höhe des Zinssatzes lässt eine Aussage darüber zu, wie wahrscheinlich es ist, dass es ein Unternehmen bei Kreditvertragsende noch immer gibt (und es somit auch den Kredit zurückzahlen kann).

Ich gehe davon aus, Taleb würde meiner Einschätzung des vorigen Gedankenexperiments zustimmen, das Ergebnis selbst aber als problematisch einordnen. Er würde ablehnen, dass Groß genauso risikobehaftet wie Klein oder gar wünschenswerter ist. Taleb behauptet, dass im Widerspruch zu allem, was in den Wirtschaftswissenschaften zum Thema »Ertragssteigerung bei Großunternehmen« gelehrt wird, Größe sich in Belastungssituationen schädlich auswirkt; es ist nicht gut, in schweren Zeiten groß zu sein. Dieser Punkt ist insoweit spannend, als dass er nun – angenommen Taleb hätte Recht – tiefgreifende Implikationen mit sich bringen würde (zuvor sei aber noch angemerkt, dass Talebs Argumentation für Belastungssituationen gilt, und zwar ausschließlich dafür). Wenn der Zinssatz für Fremdkapital in der Praxis also bezogen auf das zuvor aufgezeigte Beispiel beim kleineren Unternehmen höher oder gleich hoch ist, lässt sich daraus folgern, dass auch das Risiko (oder zumindest die Einschätzung des Risikos seitens der Gläubiger) dies ist. Stellen wir nun Talebs Perspektive diesem gegenüber, könnte das bedeuten der Zinssatz wäre dann kein aussagekräftiger Indikator für Risiko mehr – denn es könnte, eindimensional betrachtet, genau umgedreht sein: Das größere Unternehmen hätte ein höheres Risiko und müsste damit einen höheren Fremdkapitalkostensatz aufweisen. Die Konsequenzen wären kaum absehbar.

Angemerkt sei hier noch, dass es sich im Vorherigen um ein Gedankenexperiment handelte, das in der Realität so nicht auffind-, nachprüf-, aber nichtsdestotrotz vorstellbar ist. Es könnte also dementsprechend sehr wohl sein, dass zwei bis auf ihre Größe identische Unternehmen einen Kredit in relativer Höhe zu ihrer Größe beantragen. Ohne das nachprüfen zu können, vermute ich, dass das größere Unternehmen dann einen gleich hohen oder sogar niedrigeren Fremdkapitalkostensatz hätte. Allerdings sei ergänzt, dass die heutige Kreditvergabe im Zuge der Basel-Bestimmungen im Wesentlichen auf Ratingsystemen beruht, die eine Risiko-Kategorisierung ermöglichen – Größe per se ist diesbezüglich erst einmal irrelevant. Lediglich in einem kleinen Teil der Analyse, im Kontext der »soft factor«s, die auch in die Kategorisierung einfließen, könnte Größe eine Rolle spielen.

Eine Farce? Zweifel an Lütges Buch.

Der TUM-Professor Christoph Lütge versucht in seinem Buch Ethik des Wettbewerbs das Konkurrenzprinzip zu würdigen und hält ein Plädoyer für eine vollumfängliche Implementierung des Wettbewerbs in allen gesellschaftlichen Bereichen. Lütge definiert Wettbewerb als den Zustand eines Konkurrenzstrebens mehrerer Akteure, [welcher] nicht naturwüchsig ist und sich nicht von selbst dauerhaft aufrechterhalten kann; darin sieht er auch die Differenz zum Kampf. Wettbewerb richte sich erst dann gefestigt ein, wenn es Regeln gebe. Für Lütge ist Wettbewerb keineswegs nur im Anwendungsbereich der Marktwirtschaft zu sehen, sondern könne völlig losgelöst davon betrachtet werden. Ähnlich verhalte es sich auch mit dem Verhältnis von Wettbewerb und Kapitalismus: Kapitalismuskritiker sind nicht notwendig auch Wettbewerbskritiker. Lütge ermöglicht eine interessante Lektüre, die jedoch einige erhebliche Fehler aufweist. Im weiteren Verlauf dieses Posts werde ich anhand eines Beispiels – Lütges Umgang mit Hartmut Rosa – solche aufzeigen.

Sein Ansatz

Laut Lütge komme unverfälschte, tatsächliche Konkurrenz deshalb ethischen Anforderungen nach, da in ihren systemischen Ergebnissen ein solcher Mehrwert liege. Wettbewerb verbinde Schwarmintelligenz mit der Leistung Einzelner. Es bedürfe heute, so Lütge, einer Ethik des Wettbewerbs – einer Ethik der Hypermoderne. Häufig werde vernachlässigt, dass die derzeitige Gesellschaft keine Nullsummengesellschaft mehr sei: Wenn der eine gewinne, müsse der andere nicht mehr unweigerlich verlieren. Erklären lasse sich die Auflösung der Nullsummengesellschaft durch ein kontinuierliches, wenn auch in Teilen geringes, Wirtschaftswachstum. Die jahrtausendelange Existenz der Nullsummengesellschaft gehe auf einen Mangel an Wettbewerb zurück.

Eine Ethik der Mäßigung – die in Nullsummengesellschaften entstanden sei – hält Lütge deshalb in einer globalisierten Welt für längst nicht mehr zielführend, sondern von Nachteil für die heutige Gesellschaft. Gerade in einer Welt der knappen Ressourcen bedürfe es des Fortschritts sowie des Unternehmertums und nicht der Bescheidenheit. Mit Suffizienz wäre niemandem gedient. Lütge fordert deshalb:

Wir brauchen eine Ethik für dynamische Gesellschaften, wir brauchen eine Ethik, die betont, dass Innovation, Unternehmergeist und Dynamik nicht nur ökonomisch, sondern auch in ethischer Hinsicht wertvoll sind.

Im Wesentlichen bedürfe es einer Ethik, die dafür Sorge trage, dass der moralisch Handelnde einen Vorteil durch solch ein Verhalten haben werde.

Sein Scheitern: argumentative und insbesondere handwerkliche Fehler

Lütge widmet sich in diesem Bezug auch einer Analyse Hartmut Rosas, indem er versucht, Rosas Argumentation aus Wettbewerb als Interaktionsmodus zu entkräften – und dabei scheitert. So kritisiert Lütge Rosas Behauptung, dass Wettbewerb die natürlichen oder sozialen Ungleichheiten in der Gesellschaft erhöhe. Lütge argumentiert, es sei korrekt, dass Wettbewerb nicht alle Menschen gleichmacht, dies aber wiederum nicht heißen würde, dass die weniger gut Gestellten durch Wettbewerb in erster Linie Nachteile erleiden. Was diese Argumentation mit Rosas Aussage zu tun hat, bleibt unterdessen fraglich; es besteht kein Zusammenhang. Sogar wenn Wettbewerb, wie Lütge anführt, eine Win-Win-Situation darstellen würde, könnte es noch immer sein, dass die Ungleichheit – wie von Piketty identifiziert – ansteigen würde. Die in der Realität innerhalb der Gesellschaft verankerten Prinzipien führen dazu, dass der Sieger aus einem vorherigen Wettbewerb bessere Ausgangssituationen hat als der Verlierer. Ein Beispiel dafür ist insbesondere das Zinsprinzip und die damit zusammenhängende Kapitalausstattung von beispielsweise Unternehmensgründern.

Lütge argumentiert zudem: Nur bei funktionierendem Wettbewerb können weniger Bemittelte tatsächlich in einer Gesellschaft aufsteigen und den bisher besser Gestellten die Position streitig machen. Dies würde aber auch Rosa keineswegs verneinen. Ebenso stellt die Behauptung, dass es von Vorteil sei, wenn sich Schwellen- und Entwicklungsländer dem Wettbewerb öffnen würden, keine Differenz zu Rosas Argumentation dar. Rosa geht gerade selbst eindeutig davon aus, dass Wettbewerb alternativlos die sinnvollste Möglichkeit für Wirtschaftswachstum und den Umgang mit ökonomischer Knappheit sei. Ihm geht es in seiner Analyse keineswegs darum, jeglichen Wettbewerb als nicht zielführend darzustellen; er möchte auch keine sozialistische Gesellschaft oder den traditionellen Ständestaat, wie Lütge ihm unterstellt, sondern lediglich dort Wettbewerbsbeschränkungen, wo Konkurrenz zum Selbstzweck geworden ist. Es scheint deshalb sogar augenscheinlich fraglich, ob Lütge Rosas Analyse tatsächlich bis ins Detail durchdrungen hat.

Unstimmigkeit wird auch dort deutlich, wo Lütge Rosa zitiert und schreibt, dass laut Rosa Wettbewerb eine gewisse »Stromlinienförmigkeit« (S. 100) durchsetze, die »kauzige Originalität« zum Verschwinden bringe. Rosa zitiert hier allerdings selbst jemand anderen, nämlich Simmel mit seinem Werk Philosophie des Geldes – was Lütge tragischerweise nicht zu bemerken scheint. Nichtsdestotrotz behält Rosa beziehungsweise Simmel sogar auch hier recht, denn durch Wettbewerb kann – aufgrund der Maxime je schneller, desto besserbeispielsweise Kreativität eingeschränkt werden (sie kann jedoch sehr wohl auch dadurch gefördert werden). Wer sich also zu viel Zeit für die Entwicklung nimmt, um beispielsweise ein besonders sicheres, innovatives Produkt zu schaffen, wird im Wettbewerb womöglich Einbußen zu ertragen haben, die nicht wieder einholbar sind. Sie können zudem insbesondere deshalb nicht aufgeholt werden, da, wie zuvor dargelegt, der Verlierer in Zukunft schlechtere Ausgangsbedingungen vorfindet.

Anschließend geht Lütge darauf ein, dass laut Rosa Wettbewerb zum Selbstzweck geworden sei. Lütge antwortet diesbezüglich: Wenn es wirklich so wäre, dass Wettbewerb grundsätzlich leerläuft und niemandem nützt, so hätte man ein echtes Problem erkannt. Auch hier fragt sich der Leser, was es mit dieser Aussage auf sich hat – steht sie doch in keinem Bezug zu Rosas Beobachtung und Definition eines Selbstzwecks. Ähnlich gestaltet es sich auch, wenn Lütge Rosas Behauptung der totalisierenden Konsequenzen von Wettbewerb auf das subjektive Wohlbefinden im Sinne einer vom Individuum selbstbestimmten Lebenskonzeption thematisiert. Diesem entgegnet Lütge bis auf Widerruf, es sei nicht vermeidlich, dass es Verlierer gebe und versucht daraufhin die positiven Effekte der Creative destruction  hervorzuheben.

Fazit

Was Lütge mit seinem Buch und der Analyse der Untersuchung Rosas vorlegt, so lässt sich als Zwischenstand resümieren, scheint bei genauerem Hinsehen aus derzeitiger Perspektive leider wenig mit Rosas Aufsatz zu tun zu haben. Lütge begeht erhebliche handwerkliche Fehler und argumentiert an den eigentlichen Punkten vorbei.

Verstörte Steuerung? Erste Gedanken zur aktuellen Situation der Zeppelin Universität.

Es gibt sie noch, Orte der Störung. Ein solcher ist die Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee. Hier treffen Menschen auf-einander, die sich an-einander auf-halten, die sich – durch wechselseitige Irritation – ver-stehen. In diesem Sinne ist die kleine Universität ganz im Süden Deutschlands ein Ort unwahrscheinlicher Berührung – untereinander und mit einer Welt, die dann womöglich doch viel weniger des Aus-der-Ruhe-Bringens bedarf, als welchem sich dieser Ort verbunden fühlt.

An der Zeppelin Universität werden Begegnungen zwischen Menschen möglich, die primär in dem Sinne zueinander passen, als dass sie an- und durch-einander wachsen – am konstant präsenten Hinein-Reden, Ein-Greifen. Solche Prozesse sind es, die diesen Ort auszeichnen als einen, der in der Lage ist, Störenden Raum zu geben.

Und gleichzeitig gibt es an dieser Universität die grundsätzlich Nicht-Störungswilligen, die diesen Ort jedoch umso mehr durch die von ihm ausgehende Unruhestiftung schätzen und nicht nur, aber insbesondere auch aufgrund ihrer Störungwillenlosigkeit, die Unruhestifter aus der Balance bringen. Wie dankbar doch beide Seiten dafür sein dürfen.

Dieser Ort der kognitiven Dissonanz ermutigt zur Orientierung und raubt sie in mindestens gleichem Maße. Es charakterisiert ihn, dass Studierende von Semester zu Semester ihrer Zeit orientierungsloser werden und zugleich in ihnen etwas reift, dass Haltung fördert – und wenn es die Ablehnung dieses Ortes ist, der in fort-geschrittenen Semestern immer öfter begegnet wird. Hierfür Dankbarkeit, ist sie doch Ergebnis einer wünschenswerten Auseinander-Setzung.

Mit eine steuernden, mehrdimensional Störung vermeidenden Führung ist diese Universität der Unruhe einer Herausforderung ausgesetzt, die jedoch diesmal existentiell und für diesen Ort des Berührens zerstörend werden kann:

Sparen ist sinnvoll, wenn bewusst ist wofür. Handeln ist sinnvoll, wenn bewusst ist, wonach. Und Führen ist sinnvoll, wenn bewusst ist, wohin.

Vielleicht können die Studierenden dankbar sein, beispielsweise für eine neue Mission. Vielleicht können sie genau dann dankbar sein, wenn die Störenden ihre Verstörtheit überwinden und eine steuernde Führung aus der Fassung bringen. Es ist Zeit, eine mögliche Negation einzelner Elemente im System durch das System oder durch seine Umwelt so vorwegzunehmen, dass ihr produktiv begegnet werden kann (Baecker).

Eine studentische Störung leistet einen entscheidenden Beitrag, den aus der Steuerung resultierenden Zerfall dieser Organisation zu vermeiden. Aber wer weiß, womöglich ist diese Steuerung ja sogar auch eine Form wünschenswerter Störung.

Alle um alle? Wie viel Wettbewerb zukunftsfähig ist:

Die moderne Konkurrenz, die man als den Kampf aller gegen alle kennzeichnet, ist doch zugleich der Kampf aller um alle.
                                                                                                  aus Georg Simmel, Soziologie der Konkurrenz
 

Lasst uns Möglichkeiten zur Effizienz verschwenden und die für ein neues Zusammenleben nutzen! Für ein gesellschaftliches Miteinander des wechselseitiges Austauschs, der Berührung, des voneinander Lernens und gemeinsamen Erlebens.

Ähnlich wie das Zinsprinzip, existiert in den grundlegenden Strukturen unserer Gesellschaft ein weiterer Mechanismus: das Wettbewerbsprinzip. Auf der Suche nach Zukunftsfähigkeit kommen wir nicht umhin, uns diesem zu widmen.

Wettbewerb mag sehr wohl das effizienteste Mittel zur Bekämpfung ökonomischer Knappheit sein, wie im vorherigen Beitrag dargelegt. Aber auch wenn Wettbewerb ökonomisch sinnvoll ist, kann es zu Konflikten mit in dem in einer Gesellschaft womöglich vorhandenen Wertekanon kommen. Eine Gesellschaft könnte sich zum Beispiel etwa anstelle des Wettbewerbsprinzips für einen kooperativen Prozess zur Schaffung eines Gutes entscheiden, weil sie eine andere Form des Miteinanders oder der Begegnung präferiert. Die Folge dessen wäre nicht mehr das effizienteste Gut, sondern eines, das seine Legitimität durch einen abweichenden Prozess erführe.

Für eine zukunftsfähige Gesellschaft müssen wir grundsätzliche Fragen nach dem gesellschaftlichen Miteinander, nach sozialer, ökonomischer und ökologischer Zukunftsfähigkeit stellen und dürfen vor der Antwort nicht zurückschrecken, dass – auch wenn unsere Identität wohl maßgeblich auf dem Wettbewerbsprinzip als Selbstzweck beruht – eine Abkehr von diesem möglich, wenn nicht gar unumgänglich ist.

Zukunftsfähige Gesellschaftsentwürfe könnten natürlich beinhalten, dass Wettbewerb in einem begrenzten Maße, als Mittel zum Zweck, sinnvoll ist. Grundsätzlich nämlich, auch historisch betrachtet, gilt es Wettbewerb insoweit zu würdigen, als dass er einerseits Zusammenleben durch Disziplinierung und Gruppenkohäsion teilweise erst ermöglicht hat und andererseits unser heutiger ökonomischer Wohlstand eindeutig auch auf ihn zurückzuführen ist.

Doch sollte der Gegebenheit Beachtung beigemessen werden, dass Wettbewerb um des Wettbewerbs Willen nicht zukunftsfähig ist. Es bedarf einer sekundär wettbewerbsförmigen Organisation, wie im letzten Beitrag vorgestellt. Und letztlich ermöglicht die Frage nach der Rolle von Konkurrenz in einer Gesellschaft eine Einschätzung über den Reifezustand dieser. Spricht der Mangel an normativen Zielvorgaben für sich?

Kooperation und Gemeinschaft

Es gilt zudem, den Fragen nach den anthropologischen Prägungen des Menschen Raum zu geben und ausgehend dessen Erkenntnisse für ein nachhaltiges Zusammenleben zu generieren. Wer Wettbewerb in allen Lebensbereichen fordert, könnte sich beispielsweise Joachim Bauer zur Hand nehmen, der mehrfach in Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren erläutert, wie sehr entscheidend wir anthropologisch auf Kooperation und Resonanzerfahrungen eingestellt seien.

In diesem Kontext ist es sinnvoll auch Folgendem nachzugehen: Was macht das Wettbewerbsprinzip mit uns, wie beeinflusst es unser intimstes Zusammenleben, unser Glücksempfinden, unser Gefühl, mit der Welt in Beziehung zu treten? So behauptet, exemplarisch genannt Johannes Berger, dass Wettbewerb das erhebliche Problem eines umfänglichen Gemeinschaftsverlusts mit sich bringe. Es lässt sich vermuten, dass es jedoch für Problematiken wie beispielsweise den Klimaschutz solcher Gruppengefühle bedarf.

Knappheit am guten Leben

Darüber hinaus könnten wir uns – statt Energie in die womöglich in unseren Breitengraden überflüssige Bekämpfung von ökonomischer Knappheit zu investieren – der Knappheit am  guten Leben, an gesellschaftlichem Miteinander und wechselseitigem Austausch, an Berührung, voneinander Lernen und gemeinsamem Erleben widmen. In erster Linie würden wir dann nicht die Möglichkeiten zur Effizienz verschwenden, sondern die Möglichkeiten für ein neues Zusammenleben nutzen. Heute allerdings verschwenden wir im Speziellen diese noch. Lassen wir sie uns nicht aus den Händen gleiten.

Dass dies möglich ist, zeigen über vierzig frankophone Autoren durch ihr Konvivalistisches Manifest, in welchem sie eine neue Kunst des Zusammenlebens fordern.

Warum aber findet keine umfassende, fundamentale Debatte über die Rolle von Wettbewerb in heutigen Gesellschaften statt? Weshalb wird das Konkurrenzprinzip grundsätzlich tendenziell als gegeben aufgefasst wird? Eine Antwort darauf lässt sich durch Seduktion erklären – so, wie Byung-Chul Han sich den heutigen Sieg des Kapitalismus erklärt. Ursprüngliche Aggression gegen das System resultiert derzeit in Selbstaggression: Wer im System nicht funktioniert, sucht den Fehler nicht dort, sondern an sich.

Es geht nicht per se darum, Wettbewerb abzuschaffen, sondern vielmehr ihn erst einmal infrage zu stellen.

Aber vergessen wir nicht: Wandel muss kein Zufall sein.

Gaucks Plädoyer für Wettbewerb. Eine Einschätzung.

Dafür, dass die Debatte um die gesellschaftliche Rolle von Wettbewerb auch heute relevant zu sein scheint, steht beispielhaft die Rede Joachim Gaucks anlässlich des 60. Jubiläums des Walter Eucken Instituts. Ähnlich wie Simmel bereits 1903, sieht Gauck wesentliche Vorteile von Konkurrenz. Je nach Ausgestaltung, könne Wettbewerb laut ihm gerecht und positiv umformend sein.

Gerecht, da Ungerechtigkeit gerade durch Minderung von Konkurrenz – beispielsweise durch staatlich umgesetzte Rücksicht auf Partikularinteressen – entstehe. Umformend, da Wettbewerb althergebrachte Privilegien und zementierte Machtstrukturen aufspränge und dadurch Raum für mehr Teilhabe, mehr Mitwirkung schaffe. Sodass dies möglich werde, bedürfe es allerdings eines durch den Staat gesetzten juristischen Rahmens. Darüber hinaus komme es darauf an, mit welcher Ausstattung man das Spielfeld betritt. Deshalb müsse der Staat, um Chancengerechtigkeit zu generieren, für Vorbedingungen sorgen, welche die Konkurrenz selbst zu errichten nicht in der Lage sei. Für eine freiheitliche Gesellschaft sei Wettbewerb ein maßgeblicher Bestandteil.

Gauck vernachlässigt in seiner Rede, anders als Simmel vor über 100 Jahren, nahezu völlig die zerstörerische, vernichtende Seite der Konkurrenz. Er übersieht auch zu fragen, ob Wettbewerb in einer Überflussgesellschaft – im Kontext des in den Industrienationen im 21. Jahrhunderts angehäuften Wohlstands – tatsächlich wünschenswert und unter  beispielsweise ressourcenbezogenen Gesichtspunkten zukunftsfähig ist. Gauck vergisst überdies nach den gesellschaftlichen Implikationen von Wettbewerb, unter anderem auf unser Zusammenleben, zu fragen. Er versäumt zudem den womöglich zu Nachhaltigkeit im Widerspruch stehenden Logiken, die das Konkurrenzprinzip mit sich bringt, Beachtung zu schenken.

Immerhin greift er jedoch indirekt die dem Konkurrenzprinzip zugrunde liegende Steigerungslogik auf. Gauck beschreibt den ständigen Zwang, die erreichte Position gegenüber anderen zu behaupten. Er benennt somit den Druck, sich in keinem Bereich des Lebens mehr ausruhen zu können – da man sonst Einbußen zu tragen habe, die man nicht mehr aufholen könne. Es existiere eine Furcht vor Konkurrenz, denn dieser Wettbewerb, der unser Dasein bestimmt, sei mühsam. Kontinuierlich befinde man sich im Vergleich mit den Übrigen und müsse Acht geben, nicht überholt zu werden. Solche Beobachtungen macht auch Hartmut Rosa.

Sekundär wettbewerbsförmig

Rosa sieht sehr wohl die von der wettbewerblichen Effizienzsteigerung ausgelösten erheblichen Auswirkungen wie den technischen Fortschritt. Aber er bemerkt ebenso wie Gauck, dass sich eine steigende Zahl von Personen zunehmend in einem für die Betroffenen Unruhe erzeugenden Kampf um die eigene Werterhaltung befänden. Laut Rosa sei das Resultat dessen ein Konkurrenzkampf wie ein Nullsummenspiel unter steigendem Einsatz, denn unter Einbezug immer größerer Anstrengungen würden auch die Konkurrenten versuchen, nicht abgehängt zu werden.

Wir befänden uns in einer Wettbewerbsgesellschaft, die primär durch das Bestreben nach Instandhaltung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit als Maxime gekennzeichnet sei. In solch einer Wettbewerbsgesellschaft gehe es nicht mehr darum, etwas zum Beispiel möglichst positiv oder schnell zu tun, sondern positiver oder schneller als die Übrigen. Das Maßgebliche in ihr jedoch sei der Umstand, dass die Setzung materialer Handlungsziele selbst zu einem entscheidenden Wettbewerbsmoment werde.

Daraus ergäben sich drei wesentliche Implikationen: Zum einen Verschwendung, insbesondere hervorgerufen durch eine nicht sinnvolle Überschussproduktion an sozialen Energien und kreativen Ideen. Zum anderen die Dynamisierung der Sozialordnung, eine Steigerungslogik, die sich in allen sozialen Bereichen feststellen lasse  denn das Ausruhen auf dem Bisherigen werde durch kontinuierlich neue Antriebszwänge verhindert. Als dritte Folge identifiziert Rosa, dass Wettbewerb beispielsweise die Ethik in durch Wettbewerb geprägten gesellschaftlichen Bereichen unbestimmt werden lassen könne. Die gesellschaftlichen sowie die ethischen Implikationen des Wettbewerbsprinzips seien enorm und würden letztlich die sozialen Interaktionen, das subjektive Wohlbefinden im Kontext freier Lebensgestaltung sowie die gesellschaftlichen Normen negativ beeinflussen.

Rosa schlägt vor, den Wettbewerb nicht abzuschaffen, sondern die gesellschaftlichen Bereiche wieder sekundär wettbewerbsförmig zu organisieren. Er fordert somit eine Rückkehr zu normativen, im demokratischen Prozess entstandenen Ergebniserwartungen. Zur Zielerreichung an sich, so hält Rosa fest, gäbe es jedoch – insbesondere in einer Welt der ökonomischen Knappheit – für Wettbewerb keine Alternative.

Das Ziel selbst darf also nicht Teil des Wettbewerbs sein! Wie es scheint, gerät dies gerade im europäischen Kontext immer mehr in Vergessenheit. Und womöglich bemerkt Gauck diesen Umstand auch eines Tages. Wie so oft ist Gauck bisher eindimensional.

Abwesenheit der Zukunft

Global civilization faces a new breed of cataclysm [Verheerung], behaupten Nick Srnicek und Alex Williams. Zwar seien die Jahrzehnte ab Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts stets durch die Vorstellung geprägt gewesen, unsere Gesellschaft könne sich möglicherweise in eine positive Richtung entwickeln, doch was der Neoliberalismus heute zu bieten habe zeige klar: The future has been cancelled.

Widerhall des Kommenden

Der Zusammenbruch des weltweiten Klimasystems sei die größte Herausforderung. Allerdings könne die derzeitige Politik bereits bei kleineren, jedoch in ihrem destabilisierenden Potential ähnlichen Problemen nichts mehr ausrichten. Weshalb? Die Politik sei unfähig neue Ideen, Konzepte sowie erfolgversprechende Herangehensweisen zu generieren, welche eine Transformation unserer Gesellschaft ermöglichen könnten – um der aufkommenden Vernichtung zu begegnen und dieser zielführend entgegenzuwirken. While crisis gathers force and speed, politics withers and retreats.

Die Zeit der politischen Linken scheint nun eindeutig endlich gekommen zu sein – soetwas müssten sie sich doch zu eigen machen. Eine Regung wird indes in keiner Weise ersichtlich. Die Linken scheinen es schlicht nicht zu schaffen, die Version beziehungsweise das Projekt einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu entwerfen, anzugehen oder gar umzusetzen.

Auch Srnicek und Williams sind sich dessen bewusst und schlagen deshalb ihren eigenen Maßnahmenkatalog vor. The future doesn’t have to be over, … a new and different future must be constructed. Wir müssten uns wieder an die Zukunft erinnern, so die Theoretiker. Ihr Vorschlag ist der des Akzelerationismus. Obwohl noch nicht vollumfassend ausgereift, zeichnet er sich als vielversprechendes Konzept ab. Wie sieht es aus? What acclerationism seeks is to allow human potential to escape from the trap set for it by contemporary capitalism. Der Akzelerationismus plädiert dafür, die Entfremdung im Kapitalismus anzuheizen, zu beschleunigen.

Vorhersagbarkeit

Der Kapitalismus soll also nicht von einem auf den anderen Tag abgeschafft werden. Es geht vielmehr darum, den Kapitalismus auszuweiten, Wachstum zu forcieren und somit in letzter Instanz über diesen Prozess den Kapitalismus zu überwinden – durch seine selbstständige Auslöschung. Gerade Beschleunigung wird somit zur Brücke, auf deren anderer Seite eine zukunftsfähige Gesellschaft liegt.

Was der Kapitalismus bisher beispielsweise in den Bereichen Wissenschaft und Technik erreicht habe wird seitens der Akzelerationisten indes sehr wohl als erhaltenswert angesehen und für die Implementierung einer zukunftsfähigen Gesellschaft als kaum abdingbar betrachtet. Accelerationist politics seeks to preserve the gains of late capitalism while going further than its value system, governance structures, and mass pathologies will allow.

Der Akzelerationismus hat enormes Potential. Wir können uns auf mehr freuen. Nein, wir müssen uns auf mehr freuen, denn the choice facing us is severe: either a globalised post-capitalism or a slow fragmentation towards primitivism, perpetual crisis, and a planetary ecological collapse.

Letztlich ist an den Überlegungen der Akzelerationisten insbesondere die Erkenntnis entscheidend, dass eine Revolution kein unvorhersehbarer Zufall sein muss. Tiefgreifender Wandel ist planbar.

Stehen für alles. Fallen für nichts.

Andere wieder lassen sich paradoxerweise für die Ideen oder Illusionen umbringen, die ihnen einen Grund zum Leben bedeuten (was man einen Grund zum Leben nennt, ist gleichzeitig ein ausgezeichneter Grund zum Sterben).                                                                                                                                                                                                                    aus Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos
 
 
Verflüssigung

Wir würden zu Spielern und Driftern, deren Ziel es sei, möglichst viele Optionen offen zu halten. Nicht festlegen. Keine Dauer. Keine Bindung. Kontextübergreifende, langfristige Lebensziele gebe es nur noch selten, analysiert Hartmut Rosa. Somit verliere die Biographie ihre Richtung und das Individuum jegliche tatsächliche Entwicklungsperspektive. Darüber hinaus sei es nicht verwunderlich, dass gegenüber Zielen auf längere Zeit beispielsweise heutige Bedürfnisbefriedigung bevorzugt werde – die Zukunft ist ungewisser denn je.

Um den Flexibilitäts- und Beschleunigungserfordernissen der hypermodernen Welt gerecht zu werden, könnten wir nicht um eine ausgeprägte Gleichgültigkeit gegenüber Inhalten umhin. Stabilität wurzelt nicht mehr auf substantieller Identifikation. Sie entspringt nicht mehr dem Fraglichwerden, sondern wird selbst fraglich. Wer Du bist ist abhängig davon, wo Du bist.

Bisherige Identitätsmuster werden durch soziale Beschleunigungsprozesse untergraben. So sieht sich die eine nicht als Studentin, sondern studiert gerade. Ein weiterer ist nicht Investmentbanker, sondern momentan im Investmentbanking tätig. Man ist nicht liberal, sondern wählt derzeit die FDP. Das macht es einfach. Und sinnlos zugleich. Spannend wird es dann, wenn das Subjekt gezwungen ist, Relevanzen und Prioritäten zu bestimmen, und wo sich aus solcher Pluralität konfligierende Handlungsanforderungen ergeben – durch heutige Identitäten kaum möglich. Daher werden Passivität und situative Entscheidungsfindung zu den bestimmenden Parametern unserer Charakter.

Sein wollen

Wie wollen wir leben? Wer wollen wir sein? Das wissen wir oft selbst nicht. Die Auslöschung alternativer Möglichkeiten täte zu weh. Das ist besonders gut erkennbar bei der Berufswahl, aber auch in Anbetracht von Partnerschaften.

Und in der Politik. Doch bezüglich einer – auch von mir gepriesenen – Argumentation ermöglichen die soeben beschriebenen Veränderungsprozesse Entwarnung: Krieg. Nicht einmal dazu sind wir noch zu gebrauchen. Die EU ist heute nicht mehr deshalb besonders schützenswert, weil sie den Frieden in Europa garantiert. Solch eine Gefahr besteht schlicht nur noch sehr begrenzt. Sie ist grundsätzlich deshalb hinfällig, da niemand seine Komfortzone verlassen würde.

Was ich mir wünsche? Sich-Festlegende, Den-Mut-Nie-Verlierende. Ich wünsche mir Menschen, die sang- und klanglos scheitern, dann aufstehen und wiederholt sang- und klanglos scheitern. Individuen, die der Konformität Grenzen setzen, wütend toben und ausrasten, unfreundlich sind – und kompromisslos. Die für ihre Überzeugungen mehr als alles geben, dafür Verachtung erfahren, trotzdem weiter machen und bereit sind, für sie zu fallen. Ich wünsche mir Menschen, die einen Grund zum Leben finden – und zum Sterben. Hingabe.

Wir bedürfen dieser Gründe. Sie gibt es allemal. Bloß zulassen müssen wir sie.

Die Zeit der modernen Politik ist abgelaufen. Weshalb wir trotzdem wählen gehen sollten.

Politik unter dem Einfluss der Akzeleration

Die Implikationen gesellschaftlicher Veränderungsprozesse auf die Politik – insbesondere die der sozialen Beschleunigung – seien enorm, behauptet Hartmut Rosa. Denn ob Politik gelinge hänge davon ab, wie zeitkonform gesellschaftliche Anliegen gebündelt sowie kommuniziert, in politische Entwürfe übersetzt und diese letztlich in den Entscheidungs- und Implementierungsvorgang übertragen würden. Dafür müsse ein diesen Anforderungen entsprechender, sich gleichzeitig stabil als auch flexibel verhaltender Regelungsrahmen exisitieren – partizipative Willensbildung sei nur unter ganz speziellen gesellschaftlichen Gegebenheiten möglich. Diese allerdings lägen nicht mehr vor, denn zum einen seien die Zeitschemata westlicher Demokratien nicht mehr mit den gesellschaftlichen Prozessen kongruent und zum anderen in der Zukunft Liegendes nicht mehr umfänglich erfass-, einschätz- sowie darüber hinaus lenkbar. Im Zusammenhang der modernen Geschichtserfahrung werde der Politik ein Gestaltungsauftrag zuteil, dem sie heute eindeutig nicht mehr nachkommen könne, da die Eigenzeit des Politischen weitgehend beschleunigungsresistent bzw. -unfähig ist. Festzuhalten: Die soziale Beschleunigung wirkt mit enormen Konsequenzen auf den Regelungsrahmen ein!

Spannungsfeld zwischen Politik und Wirtschaft

Als Beispiel lasse sich der Konfliktraum zwischen Politik und Wirtschaft nennen. Die Zeitmuster der Politik einerseits sowie der Wirtschaft andererseits unterlägen nach Rosa einer Desynchronisation. Diese führe dazu, dass die Politik letztlich gezwungen sei, sich nach den Prämissen der Wirtschaft zu richten und somit nicht mehr aktiv gestalte, sondern ledigleich reagiere. Darüber hinaus fände eine Verlagerung der Entscheidungsprozesse statt, die beispielsweise darin bestünde, dass seitens der Politik auf die Selbst-Regulierungsfähigkeit der Wirtschaft gesetzt würde.

Zwei Alternativen und eine Warnung

Um weiter beziehungsweise wieder zum Beispiel wirtschaftliche Prosse beeinflussen und lenken zu können, habe die Politik zwei Alternativen: entweder sie gleiche sich der Geschwindigkeit in diesem Gebiet an oder sie interveniere in Form einer verordneten Verlangsamung. Komplexität erhöhend komme hinzu, dass die Reichweite politischer Entscheidungen in dem Maße steigt, wie die Zeitressourcen, sie zu treffen, schwinden. Die derzeitgen, existentiellen Veränderungsprozesse bedürfen allerdings bestmöglicher Entscheidungen.

Wie könnte die moderne Politik nun erfolgreich aus der seitens Rosa beschriebenen Krise gelangen? Diese Frage ist essentiell und wird wohl unsere Zukunft entscheidend prägen – betrachten wir die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Doch bevor sich der Frage auf diesem Blog ausgiebig gewidmet werden wird, ein Appell meinerseits, der eine weitere, sich anbahnende, existentielle Krise vermeiden kann: Auch wenn die moderne Politik in ihrer derzeitigen Form nur bedingt zukunftsfähig ist, gilt es bei der Europawahl Ende Mai nicht in Politikverdrossenheit zu versinken. Wir müssen das Aufstreben von Marine Le Pen & Co. verhindern. Allein dafür lohnt es sich zur Wahl zu gehen. Es gilt sich dessen entgegenzustellen, was Slavoj Žižek prognostiziert:

Ein neues Zeitalter zieht herauf, in dem ethnische und religiöse Leidenschaften explodieren und die Werte der Aufklärung verblassen. Im Dunkeln lauerten diese Leidenschaften schon lange; neu ist die Schamlosigkeit, mit der sie zur Schau getragen werden. Man kann diesen Prozess als einen des Rückgängigmachens beschreiben. … Obwohl die Gesellschaft ihren Prinzipien offiziell nach wie vor huldigt, werden sie schrittweise ihrer Substanz beraubt.

Plädoyer für südeuropäische Arbeitsmoral. Ein Anstoß.

Ihr alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, – ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiß ist Flucht und Wille, sich selber zu vergessen.
Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in euch – und selbst zur Faulheit nicht!
                                                                                                aus Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra
 
Keynes Prognose

John Maynard Keynes verkündete vor über 80 Jahren in seinem knappen Werk Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder, dass um das Jahr 2030 die durchschnittliche, tägliche Arbeitszeit der modernsten Länder drei Stunden nicht überschreiben werde. Weiter notierte er:

Wir werden die Zwecke wieder höher werten als die Mittel und werden das Gute dem Nützlichen vorziehen. Wir werden wieder diejenigen ehren, die uns lehren wie wir die Stunde und den Tag tugendhaft und gut vorbeiziehen lassen können, jene herrlichen Menschen, die fähig sind, sich unmittelbar an den Dingen zu erfreuen.

Betrachten wir heute was Keynes für die sich zum Überfluss hin entwickelnden Gesellschaften prognostizierte, müssen wir feststellen: Von Keynes Prognose ist nicht viel geblieben – besonders die deutsche Arbeitsmoral ist heute wie damals ungebremst.

Das gute Leben und die Barbarei

Die Frage nach dem guten Leben hängt eng damit zusammen, wie die Menschen mit der ihr zu Verfügung stehenden Zeit umgehen und umgehen wollen. Gerade die Deutschen lassen diesbezüglich keinen Zweifel aufkommen. Das Primat der Arbeit sowie der Tätigkeit ist überaus verbreitet. Steht nun ein solches zum zufriedenheitsstiftenden, guten Leben im Widerspruch? Sehr wohl, denn ohne Muße gelangt Erfüllung in weite Ferne. Dieser Meinung ist auch Byung-Chul Han, der behauptet, dass es sogar um mehr gehe, nämlich den Fortbestand unserer Gesellschaft. Auf die Demokratisierung der Arbeit müsse eine Demokratisierung der Beschaulichkeit folgen. Die vita activa sei nicht mehr zukunftsfähig. Und da stimmt er durch seine Analyse sogar mit Nietzsche überein, der schon damals erkannte, dass unsere Zivilisation in eine neue Barbarei ausläuft. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten.

Halt durch Arbeit

Die Gründe für die deutsche Arbeitsmoral sind vielfältig. Einerseits ergibt sich ein ausgeprägter Zwang zum Arbeiten bereits schlichtweg aus dem Prinzip der Marktwirtschaft. Denn wer sich auf den Lorbeeren seines Erfolgs ausruht und nicht kreativ, innovativ und führend bleibt, wird schnell kaum wieder aufholbare Einbußen zu ertragen haben. Zeitvorsprünge würden zu Gewinn, Zeit zu einer monetären Größe und Prozessbeschleunigung zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil, bemerkt Hartmut Rosa.

Max Weber sieht im Zusammenspiel zwischen Protestantismus und Kapitalismus die Ursache für die hohe Arbeitsmoral begründet. Kapitalismus ist für ihn geleitet durch den Wandel von Erwerben als Mittel zum Zweck der Befriedigung der materiellen Lebensbedürfnisse hin zum Erweben als Zweck des Lebens selbst. Darüber hinaus sieht Weber einen weiteren Grund: Geldverdienen als Spiel. Er habe das Gefühl, dass sich Erwerbsstreben geradezu den Charakter des Sports aufpräge.

Ergänzend dazu spielen wohl weitere Faktoren eine entscheidende Rolle. So ist das Opportunitätskostenkonzept zu nennen, die inhärente Knappheit bestimmer Güter und, dass sich eine zunehmend wachsende Gruppe eine Reduktion Ihrer Arbeitszeit beziehungsweise eine Reduktion ihrer Arbeitsmoral einfach nicht mehr leisten kann. Auch Erfüllung durch Arbeit im Sinne John Kenneth Galbraiths New Class ist nicht zu vernachlässigen.

In Deutschland kommt wohl alles zusammen. Konstitution und Definition erfolgt durch Arbeit, nicht durch ein gutes Leben. Und Nietzsche hat Recht, mehr Inhalt als zur Arbeit findet man kaum.

Die Erkenntnis

Wir lernen, es wäre unsinnig, von anderen Nationen eine vergleichbare Arbeitsmoral zu fordern. Das deutsche Tun ist nicht sonderlich respektabel. Nun lässt sich der Spieß aber auch umdrehen. Der gleiche materielle Wohlstand kann ebensowenig auf anderer Seite erwartet werden. Aber das sollte kein Problem darstellen, denn großartige Konzepte diesbezüglich gibt es ausreichend. Zufriedenheitsstiftend ist nämlich gerade die Befreiung von dem durch ungeheuren materiellen Wohlstand hervorgerufenen Überfluss, wie Niko Paech vorschlägt. Eine Reduktion ist für Paech kein Verzicht, sondern Gewinn.

Weniger Erwerbsarbeit = geringerer materieller Wohlstand = mehr Zeit für die entscheidenden Dinge im Leben (nebenbei auch, um Konsum endlich einmal zu nutzen) = nachhaltig und zukunftsfähig = höheres Wohlbefinden = «Glück».